Verzettelt’s Traum
13 05 2008Sebastian
Manchmal, so alle paar Stunden, packt mich die Lust, den nächsten großen Gegenwartsroman zu schreiben. So weit, so gewöhnlich, denn diesen Wunsch verspürt wahrscheinlich jeder Blogger, und jeder von euch hat auch schon das “erste Kapitel” in der Schublade, welches in einer langen, heissen Sommernacht geschrieben wurde und auch wirklich gut ist, aber wie es eben so ist, keine Zeit, keine Lust, sich wirklich reinzuknien, ihr wisst es ja selber.
Dieser Wunsch, der sich da so oft abzeichnet, ist meist die Frucht dieses einen Satzes, der einem im Bus einfällt, von dem man denkt, DAS wäre aber jetzt mal ein toller erster Satz für einen Roman, und um ihn spinnt sich schon wage eine Geschichte von epischen Ausmaßen, aber ehe man ihn sich notiert hat, ist er auch schon wieder weg, und statt beim Buch ist man gedanklich schon viel weiter, nämlich zum Beispiel bei der nächsten Mahlzeit oder diesem witzigen youtube-Video mit den Körperzellen auf dem Eso-Trip.
Und so verliert sich dieses unfassbar große Human Creative Capital, weil eigentlich keiner WIRKLICH einen Roman schreiben will, sondern jeder will mal einen Roman GESCHRIEBEN HABEN, denn er ist ein Zeugnis einer tatsächlich erbrachten, langfristen Leistung, welches man sogar in der Hand halten kann, es zeugt auch von Intellekt, bringt manchmal Geld, mindestens aber Ruhm und je nach Verlag kriegt man sogar ein schönes schwarz-weiss-Foto spendiert.
Es ist ja auch toll, da lese ich seit Monaten das schöne Blog von Volker Strübing und *zack* steckt mir mein Quasi-Schwiegervater dessen Buch “Das Paradies am Rande der Stadt” zu und sagt, das solle ich mal lesen, man erreicht einfach auch ganz andere Menschen als diese ewig mittzwanzigeren Popkulturlangeweiler.
Aber weil man sich der Arbeit bewusst ist, die so ein Roman mit sich bringen würde, schiebt man es dann doch vor sich her, kann sich nicht aufraffen, wirklich loszulegen. Okay, man hat sich schonmal yWriter installiert, weil man sich so einreden kann, jetzt eigentlich schon den halben Roman fertig zu haben, aber es fällt schwer, die erste Seite vollzukriegen, und da man mindestens 600 Seiten schreiben möchte, kriegt man so ein prokrastinatorisches Gefühl, was gleich doppelt zum Kotzen ist, einmal an sich, und weil das Wort Prokrastination aufgrund des inflationären Gebrauchs inzwischen schlimmer konnotiert ist als der Begriff Gutmensch.
Und trotzdem träume ich zur Zeit einmal wieder vor mich hin, wie es wäre, wenn… Komme aber im Moment nicht über die Phase hinaus, zu erdenken, was ich alles nicht schreiben möchte, zum Beispiel Popliteratur mit möglichst vielen Bandnamen oder anderen Wiedererkennungs-Verlockungen, die über mangelnde Substanz hinwegtäuschen sollen. Benjamin von Kürthy-Illies, ich schaue in Deine Richtung.
(Weil ich den Namen Kürthy grade nochmal googlen musste:
Die Heldinnen in Kürthys Romanen “Mondscheintarif’”, “Herzsprung”, “Freizeichen”, “Blaue Wunder” und “Höhenrausch” sind moderne junge Frauen, die selbstironisch ihre eigenen Schwächen und die Malheurs im Umgang mit Männern schildern. [Wikipedia]
Ahahahaha *kotz* Sowas meine ich nämlich.)
Jetzt wollte ich schon auf Tommy Jaud rumhacken, habe mich aber eines besseren besonnen (ohoh, Stilblüte, ich weiss, dass das falsch ist, aber nicht warum), weil: das habe ich ja an anderer Stelle bereits getan. Jedenfalls, so “witzigen” Kram schreibe ich ja sehr gerne, aber ich bin mir bewusst, dass ich selber auch höchst selten über schlechtes Kalauerniveau hinauskomme, ich könnte vor Scham gar nicht schlafen, wenn ich so ein Buch wie “Vollidiot” abliefern würde.
Andere Genrelitaratur interessiert mich ebensowenig, SciFi mag ich gerne, aber schreiben? Nein, danke. Irgendwelche Tentakelsexstories from outer space mit dem blonden Helden “Jimmy Gunnstar” überlasse ich den Kellerkindern (ohoh… Unwort des Jahres, ick hör Dir trappsen) und anspruchsvolle Literatur aus dem Gebiet ist mir zu…. anspruchsvoll (ihr seht, was ich meine, keine Fantasie der Junge). Krimis sind auch langweilig, Fantasyromane sind doch alles Nazipornos und Sachbücher kann ich auch nicht schreiben, weil ich von keiner Sache Ahnung habe.
Aber kann das sein? Dass jemand gerne ein Buch schreiben würde, aber nur weiss, worüber er alles nicht schreiben mag? Ist das dann nicht der beste Beweis dafür, dass auch ich letztendlich einer von denen bin, die nicht den Drang verspüren, wirklich zu schreiben, sondern einen Roman als Selbstzweck sehen? Ja, nein, ich mein, jein.
Denn auch wenn mir keine Geschichte einfallen will, so grob habe ich natürlich schon eine Vorstellung. Es wäre nichts hochtrabendes, eine eher “bodenständige” Geschichte, aus dem Leben gegriffen, aber eben nicht ab-gegriffen und auf den Wiedererkennungswert reduziert. Eine Mischung aus Buckowski und Regener schwäbe(?) (???) (!!1) mir vor, ein Populärmusik aus Vittula auf deutsch (nicht vom Titel täuschen lassen, es geht eben NICHT nur eine Aneinanderreihung von Bands), Stichwort: Opa Sebastian erzählt.
Nur liegt hier das Problem, dass solche Bücher einer älteren Generation vorbehalten sind. Hackordnung:
- Historienschinken und Naziromane: alte Männer und Frauen
- Kulturpessimistische Kritik, Agenda-Setting mit schlechten Metaphern und midlifekriselnde Jugenderinnerungen: Männer zwischen 33 und 49
- “Afrikaromane”, Selbstironisches, hoppla-da-bin-ich-Literatur: Frauen zwischen 27 und 39
- “lustige” Bücher, Selbsterfahrung, Common Sense-Awareness, Sätze mit viel zu vielen Adjektiven (schreiben wie man spricht!) und klugscheisserischem Unterton: ab 19.
Da hänge ich mit 27 also noch fest und muss im Grunde 6 Jahre warten, bis man mich ernst nehmen würde. Am Ende bin also ich gar nicht schuld, sondern alle anderen. Eine eindrucksvolle Beweisführung, danke. Nichtsdestotrotz werde ich wahrscheinlich einfach mal anfangen. Denn schon jetzt merke ich, dass ich viel lahmer schreibe als mit 19, welches ich, wahrscheinlich ziemlich verklärend, als meinen literarsichen Zenit ansehe. Der Stern ist schon am sinken, wenn das so weiter geht, werde ich in 2 Jahren nicht einmal mehr bloggen sondern völlig von der Bildfläche verschwunden sein. Überlegt mal, alle eure Väter haben einst mit 23 auf ihrer Schreibmaschine angefangen, ein Buch zu schreiben, und heute? Da sitzen sie mit Schmerbauch und Sonnenbrand im Schrebergarten. Das ist unausweislich. Also lieber beeilen. Ich werde 100 Word-Seiten seichte Paranoia über die Gesellschaft von mir geben, weil keiner Ahnung hat außer mir, aber das Werk niemals an Verlage schicken. Stattdessen werde ich es als .pdf zum Download stellen und mich als Journalist und Autor bezeichnen.
Ja, so mache ich es. Ans Werk!
Kategorien : Culture Beats, Social Issues & Stuff, Wir waren mal Stars, liest eh keiner













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