Am Montag, dem 30.11.2009 wird es zu zwei besonderen Premieren kommen: Zunächst werde ich den mir selbst auferlegten Heiligen Eid brechen, niemals in einer Bar aufzutreten, die einen Namenswitz im, nun ja, Namen trägt. Und zweitens werde ich das erste mal in meinem Leben überhaupt auftreten (abgesehen natürlich von meiner grandiosen Performance bei „Wetten, dass…?“).
Nämlich: Der Taubenvergrämer lässt bitten. In einer dilettantisch-unkoordinierten Reihe mit dem hochtrabenden Namen Jour Fitz bestellt er ihm wohlgesonnene Menschen, Literaten, Erzähler und jeden, der sich aufdrängt (hier komme ich ins Spiel) zu sich, die im flauschigen Ambiente des Lokals soupanova in Berlin Texte vortragen, die sie eigens verfasst, wohl aber zumindest aus ihren Blogs herauskopiert haben (ein Treffen der vielgescholtenen Internetausdrucker, sozusagen).
Frei von sämtlichem Wettbewerbsdruck dieser fehlkonzipierten Poetry-Slams oder kichernder Klassenkameraden (*schnief*), verspricht das doch ein flauschig-illustrer Abend zu werden, zu dem ich hiermit herzlich einladen möchte. In dem Sinne, dass man als zahlender Gast gerne gesehen ist.
Als weitere Erzähler werden dort, so denn alles klappt, noch die geschätzten Blogger und Twitterer @Litteratur und @silenttiffy dabei sein. Die haben alle sicher auch „normale“ Namen, aber warum Twitter genau so schön ist, hat eben @silenttiffy an dieser Stelle noch einmal in Gänze ausgeführt.
Oder um es für euch crazy Internetkids kurz zu machen:
Voll fett! Flashmob! Wir treffen uns alle am 30.11.2009 um 20.00 Uhr im
SOUPANOVA
Stargarder Str. 24
10437 Berlin
zahlen dort 4,- Euro Eintritt, setzen und hin und halten die Klappe! Das wird so geil!! Denen zeigen wir’s! Und alle so yeah usw.
Wie überhaupt im Bereich der klassischen Pen & Paper-Rollenspiele, verfüge ich auch im Shadowrun-Universum über äußerst begrenzte Erfahrungen. Selbst gespielt habe ich es nicht eine handvoll Male, die Romanreihe, die mittlerweile wohl über 60 Teile umfasst, aber genau lässt sich das gar nicht sagen (ein ähnliches Durcheinander bieten hier noch die Final Fantasy-Reihe und das Namenswirrwarr der Street Fighter 2-Charaktere), habe ich nach Band 27, „Stahlregen“, entnervt aufgegeben. Waren die Geschichten früher sehr packend geschrieben, insbesondere die Actionpornos von Nigel Findley oder die sehr (Anglizismus-Nazis, aufgepasst!) immersive Deutschland-Trilogie „Deutschland in den Schatten“, quälte man sich gegen Ende nur noch mit albernen Klischees und nicht enden wollender Esoterik.
(Die „Deutschland in den Schatten“-Trilogie zog mich mit etwa 14 dermaßen in den Bann, dass ich in einem Deutsch-Aufsatz zu einer Kurzgeschichte, es war wahrscheinlich „Spaghetti für zwei“, auch bekannt als „Kohl für zwei“, oder aber „Ein Tisch ist ein Tisch“ konsequent den Namen Hans Joachim Alpers verwendete, was nicht nur für Punktabzug, sondern auch für ein fragendes Gesicht seitens der Deutschlehrerin sorgte.)
Ebenso ausgelassen habe ich die Mega Drive-Version des Spiels, von der man sehr viel Gutes hört, und den Microsoft-Shooter, für den genau das Gegenteil gilt. Ich widme diesen Blogeintrag nun also der Versoftung für das SNES, da ich jüngst mal wieder hineinschaute und gleich sofort wieder gefesselt war und erstaunt, mit wie wenig Mitteln es gelang, ein schönes Stück Software zu stricken.
Es sei hier kurz wiedergegeben, was zu meiner Shadowrun-Zeit, also Mitte der Neunziger, das Shadowrun-Universum ausmachte. Die Regeln, Zustände und Zeiten haben sich mittlerweile wohl geändert, diese Rollenspielbuchhersteller denken sich ja ständig irgendwas aus. Und also aber (eine Wortfolge, die man so eigentlich nur von Stefan Gärtner hört) nun:
In den 80ern herrschte eine dystopische Vorstellung der Zukunft vor, aus der sich das literarisch und popkulturelle Genre des Cyberpunk entwickelte und welches das Grundgerüst für die Shadowrunwelt stellt (allen voran sei hier William Gibsons Neuromancer-Trilogie erwähnt, da man sich hier besonders fleißig bediente). Großkonzerne haben im Jahr 2050 den Staat in ihren Aufgaben im Wesentlichen abgelöst, vor allem Japan konnte seine Unternehmen zu Megakonzernen ausbauen, die sich der Kontrolle durch einen Staat größtenteils entziehen und sogar Privatarmeen unterhalten. Die Technik ist dort, wo viele Menschen heute schon gerne wären: Man braucht seine Tastatur, pardon, „Cyberdeck“ nur an seine Schläfe stöpseln und befindet sich in der virtuellen Realität der Matrix, in der sich allerhand Schabernack anstellen lässt. Überhaupt lässt sich der Körper dank Implantaten jedweder Art zur Supermaschine ausbauen, die einen stärker macht, schneller, jetzt noch sicherer und mit Gimmick.
Und als wäre dies alles nicht schon genug des Trubels, ist im Jahr 2011 auch noch die Magie in die Welt zurückgekehrt (ein Zeitpunkt, der mir einmal unfassbar weit weg erschien), siehe Maya-Kalender, drittes Zeitalter etc. pp. Neben aufgemotzten Menschen beherrschen also auch Orks, Trolle, Zwerge und Elfen die Straßen, manche können arkane Magie wirken und andere sind Schamanen. Auch Drachen sind wieder auf der Bildfläche erschienen und agieren als äußerst gerissene Wesen, die im Hintergrund Fäden ziehen und all zu gut mit ihrem Gold umgehen können.
Und mitten in diese Welt wird man als Spieler gestoßen, als Figur, die scheinbar gerade erst getötet wurde und nun im Leichenschauhaus irgendwo in Seattle aufwacht, ohne Erinnerung und mit nichts als einer Notiz in der Tasche, auf der steht „Apartment No. 5″.
Hat man erst einmal, nicht ohne sich ein Pflaster und ein Skalpell einzustecken, das Zimmer verlassen (was den beiden Gerichtsmedizinern einen gehörigen Schrecken einjagt), stackst man in einer dunklen Iso-Optik zunächst ziellos in der Gegend herum und fragt sich, was das Ganze nun eigentlich soll. Und kaum tritt man raus auf die Straße, wird man von einem Punk angepöbelt, der sich ziemlich sicher war, dich hat sterben zu sehen, umgenietet von einigen Killern.
Und hier sind wir schon beim Fluch und Segen des Spiels: Dem Dialogsystem. Wann immer man in ein Gespräch verwickelt wird, kommt irgendwann der Augenblick, in dem der Gesprächspartner ein Schlüsselwort fallen lässt. Dieses Schlüsselwort kommt in die Datenbank und steht als Gesprächsoption zur Verfügung. Man kann nun dieses Wort anwählen und so den Gegenüber ausfragen. Dieser hat dann entweder weitere Informationen parat oder gibt ein standardisiertes „Keine Ahnung“-Statement ab. Oder gibt ein standardisiertes „Keine Ahnung“-Statement ab. Oder gibt ein standardisiertes „Keine Ahnung“-Statement ab. Oder gibt oder gibt oder gibt.
Es ist ein schweres Kreuz, dass man nach wenigen Stunden mit sich schleppt. Irgendwann hat man mehrere Dutzend Schlüsselwörter gesammelt, die von von Begriffen wie „Hund“, „Tickets“, „Verhandeln“ bis hin zu „Heilen“, „Anheuern“ oder „Eis“ reichen. Keines ist komplett nutzlos, jedes findet irgendwann seine Verwendung, meist jedoch nur ein einziges Mal und, ausgemistet wird die Liste äußerst sporadisch.
Hinzu kommt, dass man die meisten Wörter in einem völlig anderen Zusammenhang bekommt, als den, in dem man sie später benötigt. Ein Hacker klärt einen zum Thema Eis auf, eine Art Firewall in der Matrix. Weisses Eis bedeutet, der Hacker (bzw. der Shadowrun-Terminus Decker) wird lediglich aus dem System rausgeschmissen, bei grauem Eis kann man sein Deck in der Regel wegschmeissen und schwarzes Eis verkohlt einem das Hirn. In der Welt der gesetzlosen MegaCons die häufigste Variante. Man behält nun also das Wort Eis und nimmt es nicht etwa mit auf die nächste Cocktail-Party des CCC, sondern bequatscht einen Barkeeper, er möge eine Ladung Eis ins Seattler Hafenbecken schmeissen, um die dort ansässigen Meerjungfrauen zu verscheuchen, damit man mit dem Boot auf ein Schiff übersetzen kann.
Man geht also Person für Person seinen sämtlichen Wortschatz durch, um irgendwann mit der Geschichte vorwärts zu kommen. Und wehe, man hat das passende Stichwort nicht parat. Es war mir nicht möglich, die Daten, die in meinem Schädel gespeichert sind, von einem Streetdoc herausoperieren zu lassen, da ich ihm nicht das ZauberwortNeo Cortex nennen konnte. Also noch einmal sämtliche Personen ausquetschen, um am Ende zu erfahren, dass ausgerechnet ein Punk auf dem Schrottplatz mit derlei elitärem Vokabular herumstolziert. Sigh.
Und dennoch: Ein relativ umfangreiches Dialogsystem wie dieses war zu der Zeit auf Konsolen ungewöhnlich und eine sehr schöne Abwechslung zum linearen Verlauf der Dialoge in Nippon-RPGs („Wirst Du uns helfen, das Königreich zu befreien?“ – „Nein.“ – „Oh. Ich frage noch einmal: Wirst Du uns helfen, das Königreich zu befreien?“ „Ja, goddamit!“). Die Textlastigkeit kommt dem Spiel unter dem Strich sehr zu Gute, da es schön geschrieben ist und dem Spiel eine „tough guy“-Attitüde verleiht, die die Grafik trotz der düsteren Töne nicht wirklich bieten kann.
So geht es voran im Spiel, in dem man einerseits detektivische Aufgaben im Adventure-Stil löst, in einem stupiden Minispiel durch die Matrix hüpft (enttäuschend) und andererseits aber irgendwann an den Punkt gelangt, an dem man nicht mehr um den Kampf herumkommt. Überall lauern Gangs, Scharfschützen beschießen einen aus Fenstern und dann gibt es noch diese Arena auf dem Schrottplatz, der als Versteck diente und auf dem man sich nun beweisen muss. Mit einer kleinen Beretta und einem Ledermantel, die man sich während einer Schießerei in einer dunklen Gasse geschnappt hat, geht es über den in den Kampfmodus.
Per Knopfdruck ist ein Fadenkreuz aktiviert und es wird sich der Gegner per Dauerfeuer entledigt.
Hat man erst einige der Schlingel ins Jenseits befördert, erhält man einen Karmapunkt, der sich in seine Werte investieren lässt, die unter anderem Stärke, Umgang mit Feuerwaffen oder Hitpoints beinhalten.
Das Rumgekämpfe wird sehr bald zur äußerst stupiden Routine, da man oft genug das alte Rein-Raus-Spiel spielen muss, um im Spiel weiterzukommen (in Zimmer reinrennen, Gegner abballern, Nuyen schnappen, rausgehen, wieder rein…), deshalb an dieser Stelle der ultimative Grindan-Tipp: Im Keller der Vampirvilla kann man sich wunderbar hinter einem Sarg verschanzen. Es spawnen regelmäßig Ghouls aus der Erde, die stupide auf euch zu und gegen den Sarg rennen, wo sie steckenbleiben und sich bequem abballern lassen, muahahahalololol. Werden es zu viele, rutscht mal einer durch, aber mit einer Schrotflinte oder Uzi und Reflexboostern kommt dies nicht all zu oft vor. Ich habe das einst viele Stunden durchgezogen, um herauszufinden, ob man mehr als 999 Karma sammeln kann (ja).
Irgendwann ist man entgegen allen Rollenspielregeln von Magie und Technik gleichermaßen so vollgepumpt, dass man vor Kraft kaum laufen kann. Sollte man jedoch noch ein wenig schwach auf der Brust sein, heuert man einfach ein paar Shadowrunner an, die für Geld alles tun, aber nicht sonderlich gut: von Haus nutzen sie nur ihre Grundattacke, in mühevoller Frickelarbeit muss man vor allem Magier dazu bringen, etwas mehr aufzufahren als ihren kleinsten Feuerball. Sie kosten viel Geld und halten in der Regel nichts aus, und es ist schade, dass man sich keinen 3 Meter hohen Troll an die Seite stellen kann. Eine Interaktion über das Anwerbungsgespräch findet leider nicht statt.
Meanwhile, in the storyline… Die Geschichte um den Protagonisten Jake Armitage ist von erfreulichem Ernst getragen, und wenigstens hier gelingt es einer Handlung, eine Sonnenbrille als wichtigen Gegenstand einzubauen, ohne dass man sich komplett lächerlich macht, nicht wahr, Mr. Schwarzenegger? Obwohl… ja, doch, es ist im Clark Kent’schen Sinne lächerlich, dass die Sonnenbrille mitsamt Polizeimarke dafür sorgt, dass einen die Gerichtsmediziner nicht mehr wiedererkennen, während das für die an jeder Ecke lauernden Killerkommandos wohl kein Problem darstellt. Ansonsten funktioniert die Story aber hervorragend. Je weiter man ins Spiel hineinkommt, desto mehr entspinnt sich eine klassiche Cyberpunkgeschichte, die sich grob an der ersten Romantrilogie und Gibsons Kurzgeschichte Johnny Mnemonic orientiert. Die Hauptfigur, die Daten im Kopf gespeichert hat, die schnell raus müssen, eine Cortexbombe als Sicherung, die ganz großen Konzerne trachten nach dem Leben, man erhält Hinweise, die einen auf Friedhöfe, in die Kanalisation, auf ein altes Schiff und sogar zu einem Vulkan führen, in dem die graue Eminenz, wer hätt’s gedacht, ein Drache, haust. Cyberpunküblich bekommt man es selbstverständlich auch mit einer Künstlichen Intelligenz zu tun, die standesgemäß im obersten Stockwerk eines streng bewachten Wolkenkratzers haus. Und immer wieder fährt man mit der U-Bahn durch das nächtliche Seattle, dessen Himmel aussieht „wie ein Fernseher, der auf einen toten Kanal geschaltet war“.
Getragen wird das Spiel jedoch, neben den schönen Dialogen und einigen wirklich atmosphärischen Grafiken und Szenerien, hauptsächlich vom Soundtrack. Es ist ein Synthiesound, der auf einem SNES nicht viel billiger klingen könnte, und dennoch werden hier Klänge und Melodien kredenzt, die einem auch nach 10 Jahren nicht aus dem Kopf gehen wollen. Eine Auswahl verschiedener Themes gibt es dankenswerterweise gleich in den ersten Minuten dieses etwas missglückten Speedruns:
Ich liebe dieses Slapbass-Spiel, die düsteren Industriesounds und ja, auch das Ethnogefiepe setzt sich durchaus fest im Ohr. Und ja, nach heutigen Standards klingt das wohl nicht mehr zeitgemäß, aber ist man 14, sitzt an einem Samstag um 3.00 Uhr nachts an der Konsole und wird in einer gottverlassenen Gegend von einem Hund mit roten Augen angesprochen, ist das durchaus wirksam.
Es mag albern erscheinen, 15 Jahre nach Erscheinen des Spiels eine Rückschau zu schreiben, in der Gewissheit, dass gerade diese längeren Ergüsse sich der wenigsten Kommentare erfreuen (erinnert sich noch jemand an diese lächerlich lange Nacherzählung einer Hörspielfolge der Masters of the Universe? Nein? Schade, sie ist sehr gut!), aber es ist eben ein Spiel, dass mich wirklich geprägt hat. Videospiele prägen sehr wohl, hier bin ich ganz bei Pfeiffer, äh, Pfeiffer. Da gibt es kein Vertun. Es hat nie dazu gereicht, mich oberstufenschülermäßig mit Ledermantel einzukleiden und bevorzugt neonröhrenverhangene Großstadtstraßen aufzusuchen, aber doch: die Trostlosigkeit verregneter Straßen im Saxophonklang habe ich aus dem Cyberpunk mit rübergeschleppt.
Dies ist ein Auszug aus meinem Gedichtzyklus „Tante Erna, die Partybumse“, in dem die fiktive Figur Erna im Setting von Familienfeiern Gedichte vorliest, die sie mit großer Mühe und der Hilfe von Gedichtportalen schreibt. Der komplette Band erscheint demnächst im RoflRoflRofl-Verlag.
„Liebes China, eins ist klar:
Heute wirst Du 60 Jahr!
Zu diesem großen Ehrentag
hol’n wir aus zum Gegenschlag.
Ob Wanderarbeit oder –hoden,
ob Menschen- oder Umweltrecht:
heute wollen wir nicht nur loben,
sondern sagen’s Dir mit Brecht.
Nicht jedes Land hat viel Humor,
das allein ist noch nicht schlimm,
viel mehr noch tun sich die hervor,
die die Bürger tun vertrimm‘ (Genickschuss).
Drum sollst auch Du mit 60 Lenzen
nicht mehr in der UNO schwänzen.
Lach doch mal, so wie einst
die Urchinesen, wie es heisst.
Land des Lächelns, sagt man doch,
ob Fließbandbiene oder Koch,
sie alle leben 3 mal hoch, hoch, hoch.“
Spiegel: Herr Steinmeier, es sieht nicht gut aus… Steinmeier: Sehen Sie, wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Das sind die Fragen, die ich in persönlichen Begegnungen immer wieder gestellt bekomme. Ich kenne da eine Hartz IV-Emfpängerin, die fragt sich das auch jeden morgen: schaffe ich das heute? Werden meine Kinder ausgelacht? Trotzdem geht sie jeden Abend ins Bett, mit der Gewissheit, morgen wieder aufzustehen. Daraus ziehe ich meine Kraft. Spiegel: Sie sehen uns überrascht. Steinmeier: Tue ich doch garnicht. Das ist nur so eine Interviewfloskel von Ihnen, die Sie immer und immer wieder hervorkramen, in Wirklichkeit sitzen wir doch hier in meinem Büro und sie trinken meine Minibar leer. Spiegel: Trotzdem: Bundeskanzlerin Merkel hat jüngsten Umfragen bestätigt bekommen, dass es für eine Koalition mit der FDP locker reicht. Steinmeier: Das sehe ich nicht so. Egal, wo ich in diesen Tagen bin, bei einer SPD-Veranstaltung in Hamburg, einer SPD-Veranstaltung in München, überall das gleiche Bild: SPD-Fahnen, Steinmeier-Rufe, dolle Musik. Das schaffen wir. Alles andere ist Bannichmacherei.
Es klopft an die Tür. Herein kommt Michelle Schumann. Die blutjunge Partnerin des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering sucht ihr Bauchnabelpiercing und glaubt, es zuletzt hier gesehen zu haben.
Spiegel: Frau Schumann, wo Sie schon einmal gerade da sind, was sagt denn ihr langlebiger Partner zu den geringen Chancen eines Wahlsieges? Schumann: Neulich erst saßen wir mit Veronica Ferres und Herbert Grönemeyer bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Deutschland, wo stehst Du“, da hat er einen wundervollen Satz gesagt: „Deutschland kann zupacken.“ Ich verstand erst zuparken, das habe ich dann auch gesagt und als wir mit Lachen fertig waren und dieses etwas gequälte Schweigen nach dem Lachen, man kennt das ja, wenn der letzte dann noch diesen etwas peinlichen Seufzer hinterherstößt, einsetzte, wussten wir alle: egal, wie es kommt, es geht auch weiter. Spiegel: Und wie erfahren Sie es im persönlichen Gespräch? Schumann: Wir sehen uns leider viel zu selten. Es wird oft spät, und abends, wenn wir ein wenig Zeit für uns haben, sagt er schon oft: „Es wird eng.“ Aber meist flutscht es dann ja doch und deswegen sind wir optimistisch. Spiegel: Verstehen wir sie richtig, dass… Hans-Olaf Henkel: Einspruch, Euer Ehren! Spiegel: Mein Gott, Herr Henkel, wer hat Sie denn nun ausgegraben? Und lassen Sie diesen Einspruch weg, das kann doch keiner mehr hören. Henkel: Was ich sagen möchte ist, dass wir in dynamischen Zeiten leben, Globalisierung, da muss man flexibel auf Interviews reagieren und darum bin ich hier. Flexibilisierung! Binnenmarkt! Konjunktur…usw.
Frau Schumann ist längst wieder weg und die Simpsons sind fast rum, als uns einfällt, dass wir ja bei Herrn Steinmeier zu Gast sind.
Spiegel: Thema Aussenpolitik: Würden Sie sagen, dass es in Afghanisten rund läuft? Steinmeier: Wir haben in dieser Koalition viel erreicht, auch in Afghanistan und insbesondere mit unseren amerikanischen Freunden. Das soll man nicht kleinreden. Ich ganz persönlich kenne ein afghanisches Mädchen, dass erstmals in die Schule gehen kann, schon, weil sie erst 6 ist. Aber auch sonst. Und es ist einfach ein Erfolgserlebnis, wenn man sieht, dass sie jeden morgen von Soldaten abgeholt wird (er nimmt einen Schluck Wasser), die sie im Dingo in die Schule bringen. Das ist auch jedesmal ein Riesenspaß für die Kleinen und sie bekommen immer ganz große Augen und krähen vor Vergnügen, wenn es mit 100 Sachen durch die Stadt geht. Die Einsatzgegner der Linken sollten sich das ruhig einmal bildlich vorstellen. Alles andere ist Plackenplöckerei. Spiegel: Ihr Kollege, der Verteidigungsminister Jung, geriet jüngst in die Kritik, weil er als Dienstherr den Oberst Klein verteidigt hat, der einen Tanklastwagen in die Luft hat sprengen lassen, puh, diese deutsche Sprache. Steinmeier: Ich muss ihn entschieden in Schutz nehmen! Aber ich kann nicht. Spiegel: Verstehen wir sie richtig? Der Holocaust hat nie stattgefunden? Steinmeier: Es ist doch so: Entweder Schulen und dafür auch riskieren, dass… moment, was war die Frage? Spiegel: Entschuldigen Sie, das war eine Vorlage für das Gespräch mit diesem Iraner, wir müssen nachher noch rüber. Haben Sie noch ein Pils? Hans-Olaf Henkel: Es ist übrigens eine Schande, dass sich die Regierung nach wie vor weigert, mit der iranischen Regierung Geschäfte zu machen. Die haben wunderschöne Teppiche, Ölmalereien, und Ölteppiche. Die haben die Manpower, wir das Know-How. Volkswirtschaftlicher Schaden, Diplomatie usw. Steinmeier: Ja. Spiegel: Bitte? Steinmeier: Im Schrank, da steht noch ein Pils. Sehen Sie, ich habe lange mit meiner Frau geredet, mit den Menschen draussen, auch ich selbst habe nachgedacht: Deutschland muss wachsen! Nicht im räumlichen Sinne, um Gottes Willen, aber sozial. Ich und meine SPD, wir plädieren für ein Soziales Wachstum. Spiegel: Das ist doch jetzt wieder nur so ein Füllwort. Lassen Sie uns raten: Scholz & Friends? Steinmeier: Wie gesagt habe ich mit verschiedenen Menschen gesprochen, darunter war selbstverständlich die Kreativbranche. Wir haben hier übrigens Hunderttausende neue Jobs versprochen, fragen Sie mich doch einmal wie! Spiegel: Ja gut: Wie? Steinmeier: Geht doch! Sie sind neu, oder? Also: Nehmen wir an, die Binnennachfrage nach Autos sackt nächstes Jahr so zusammen, wie wir es intern ausgerechnet haben… moment, das muss nachher wieder aus. Nehmen wir also hypothetisch an, der Automarkt entwickelt sich nicht so positiv, wie es die allgemeine Wirtschaftslage erwarten lässt. Dann würden uns die Ideen ausgehen. Es entsteht also eine große Nachfrage nach Ideen. Überall, wo eine Nachfrage besteht, entsteht als Folge ein Angebot. Da ist dann die Kreativbranche gefragt. Jetzt nehmen Sie mal den gesamten Regierungsapparat, der ideenlos vor sich hinwummert, und rechnen Sie das einmal hoch auf die Industrie. Da kommt ganz schön was zusammen. Spiegel: Mit Verlaub, das klingt sehr gewagt. Steinmeier: Sie betreiben Piepenkötterei! Wir als SPD flankieren das natürlich mit vielerlei Sekundäraktionen. Wenn in Schleswig-Holstein die SPD die Regierung stellt, haben wir Zusatzkräfte im Norden, die unterstützend einwirken und im Osten haben wir noch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Wir sind auch in Bayern nicht chancenlos, nachdem wir Ludwig Stiegler abgesetzt und Pronold eingesetzt haben. Er stößt dann aus dem Süden zu uns wir nehmen die CDU in die Zange. Spiegel: Lassen Sie uns kurz diesen Witz erklären: Sie hantieren hier, wenn Sie von Schleswig-Holstein und Bayern sprechen, mit Phantomarmeen und verfallen in Militärjargon. Der Autor, der Ihnen diese Zeilen in den Mund legt, will Sie offensichtlich in die Nähe von Adolf Nazi rücken. Das ist ein stilistisches Mittel der Satire. Steinmeier: Vollkommen richtig. Ich distanziere mich aber in aller Ausführlichkeit davon. Wo wir aber dabei sind, ich hätte da noch eine lustige Anekdote zur Reform des amerikanischen Gesundheitssystems durch den Präsidenten Obama. Spiegel: Nur zu! Steinmeier: Ich habe neulich mit meiner sehr guten Freundin Hillary Spiegel: …der amerikanischen Aussensministerin… Steinmeier: Das ist auch so eine Sache, die ich beim Spiegel nie verstehe: Manchmal vervollständigen Sie die Sätze des Gegenübers und als Leser frage ich mich: Machen Sie das live vor Ort, was ja äußerst unhöflich wäre, oder fügen Sie das später zur Verdeutlichung ein? Das wäre legitim. Spiegel: Das fügen wir später ein, oft auch an völlig unpassenden Stellen. Das ist dem jeweiligen Autor und seiner Überheblichkeit dem Leser gegenüber überlassen. Aber erzählen Sie doch noch die Anekdote zu Ende. Steinmeier: Ich telefonierte also mit Hillary Clinton und sie sagte mir im Vertrauen, dass das Gesundheitssystem, wie es Obama vorschwebt, nie funktionieren könne. Ich fragte sie, warum denn nicht, und sie antwortete: weil er is’ nicht weiß, haha. Spiegel: Herr Steinmeier, dieser Witz funktioniert schon im Deutschen äußerst schlecht, weil man das „ist“ wie ein es aussprechen muss, damit eine Pointe entsteht, diese ist außerdem rassistisch, sehr flach und nicht einmal ins Englische übertragbar. Das haben Sie sich doch ausgedacht, das ist so frei erfunden, wie dieses Telefonat mit Frau Clinton, dass sie vor laufender Fernsehkamera geführt haben. Warum benutzen Sie ständig Frau Clinton als Steigbügelhalter und nicht zum Beispiel die FDP? Steinmeier: Sehen Sie, es ist doch so: Was wollen wir erreichen, und wie können wir es erreichen? Da gibt es zwei Wege: Wir machen es als Regierung oder wir versuchen es als Opposition. Wir wollen es als Regierung machen, da bringt uns die FDP nichts, die sitzt nämlich in der Opposition. So einfach ist das. Was der Westerwelle da gerade treibt, ist Spiekenpökerei. Spiegel: Sie sehen sich also als nächster Deutscher Bundeskanzler. Wir haben nach wie vor unsere Zweifel. Müntefering: Unsinn! Steinmeier kann. Ja, wir können! Und jetzt alle! Hubertus Heil: … Spiegel: Herr Steinmeier, Herr Müntefering, Herr Heil, wo auch immer Sie jetzt herkommen, wir danken Ihnen für das Gespräch. Herr Henkel, Sie bleiben bitte gleich sitzen, der Chef hat noch eine Frage wegen der Überweisung. Steinmeier: Das ist aber mein Büro. Spiegel: Herr Steinmeier, Sie verkennen die Realitäten in diesem Land. Glück auf!
Der Block über die Piratenpartei wurde aus Platzgründen herausgestrichen. Wir haben dafür führende Piraten zu uns nach Hause eingeladen, um Stefan Raab zu gucken. Es gibt lecker Salat und Cola Light.
Ganz unten im Text schreibe ich vielleicht noch von dem Missverständnis, dass einige Menschen diesen Yeeah-Irrsinn für ein Meme halten und warum dies nicht stimmt, darüber, also im Mittelteil, hatte ich angedacht, einige Anekdoten aus meinem neu angebrochenen Schulalltag zu erzählen, was mir bei näherer Betrachtung aber ein wenig albern scheint, denn viel zu holen gibt es da nicht, was nicht nach, eben, Schulalltag klingt, und da hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. Hauptanliegen ist jedoch heute eingetroffene Wahlkampfwerbung des äußersten rechten Randes in Form eines Din A-1-Vierseiters, der sich „Deutscher Standpunkt“ nennt, in Zeitungsoptik daherkommt und sich auch als Zweimonatszeitung versteht.
Es sei angemerkt, dass die Neue Rechte durchaus kreativ mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln umzugehen weiss und in diesem Fall nicht etwa die aktuelle Lage der Nation oder eben der Nichtnation beschimpft, sondern einfach die Restauflage der Ausgabe Nr. 3/Mai 06/38. (2.) Jahrgang in die Haushalte kippt, es ist ja eh der immer gleiche Sermon, der da drinsteht. Jedenfalls längst nicht mehr erreichbar ist der Netzauftritt, und so sehr Witze über lange Internetadressen seit den Neunzigern zu recht passé sind, es muss sein: http://hometown.aol.de/dstandpunkt/index.html. Imperialisten aller Orten, aber von PI lernen, heisst eben siegen lernen.
Inhaltlich mag man sich gar nicht so recht damit befassen, aber da die Hälfte des Käses aus Scans der Stuttgarter Zeitung, Abo-Angeboten und Werbung für Bücher und Militaria besteht, hat man es schnell hinter sich.
Stilistisch bewegt man sich hier zwischen der ersten und zweiten Klasse einer Grundschule. Groß- und Kleinschreibung werden größtenteils berücksichtigt, das Komma ist bekannt.
Am Beispiel des Leitartikels, aber so genau lässt sich das nicht sagen, über die Christliche Kultur betrachten wir uns die Zeitung näher, alle Schreibweisen wie im Original.
Was man heute im Wesentlichen unter Kultur versteht, kam im vor allem, wie gesagt, aus dem Griechischen, lange vor Christus, das Lesen, Schreiben, Philosovieren, große Bauten machen, ein Rechtssystem, etc.
Große Bauten machen, hinter diesem leichtfertig geschriebenen Satz verbirgt sich natürlich eine große sprachliche Kraft, ungefähr die eines begeisterten Kleinkindes: Große Bauten machen! Da!
Sprachliche Verkürzung ist ein Stilmittel der alten Schule, das man so nur noch selten liest:
Aber auch die 10 Gebote sind viel älter als Jesus Christus, kommen von Moses.
Es ist mir leider nicht gelungen, die eigentliche Aussage des Textes zu erfassen, weswegen ich mir kein Urteil bilden mag, es wird abschließend festgestellt, dass wir „evangelische Christen [bleiben], schon wegen der vielen Nachbarvölker“, aber warum jetzt ausgerechnet wegen denen wird nicht weiter ausgeführt.
Im Wissenschaftsteil (unten links auf der Titelseite) wird die Herstellung von Benzin aus Kohle gefordert, eine leider seit dem zweiten Weltkrieg längst vergessene Fertigkeit deutscher Ingenieure, die heute wichtiger wäre denn je, denn: „es könnte dann auch sein, dass die USA diese Länder alle besetzen und das erreichbare Öl alles nach ihrem Land umleiten.“ Und das kann niemand wollen, so wenig wie die Einordnung Görings als Versager, weswegen im Artikel „Göring – der Versager?“ mal richtig aufgeräumt und geradegebogen wird, und zwar schon in der Überschrift! Hier wird noch mal ausklabüstert, wie es denn wäre, wie man das Rad nochmal hätte rumreissen können, hätte man nur auf Göring gehört, oder besser gleich auf den Herausgeber der Zeitung. „Wir hätten deren großen Industrieen im ganzen Land nacheinander bombardieren müssen.“ Wir? Wir!
Eben uswusf. und man möchte dann auch irgendwann Schluss machen, nicht jedoch ohne sich an den wahl- und zusammenhanglos eingestreuten Fotos des alten Herrn Herausgebers zu erfreuen, die ihn mit wirren Haaren neben einem Vogelhaus zeigen („Standpunkt-Herausgeber Pape hilft auch im Garten“) oder in einem Sessel in seinem Altenheimzimmer („Standpunkt-Herausgeber Pape bei einer Diskussion“ – mit wem denn bloß?). Schließen wir also mit den Sportnachrichten:
Nichts gegen die schöne Steffi Graf und diesen großartigen Schweizer Federer, der heute dominiert, aber Ringen gehört zu jedem jungen Mann. Jeder Bub will in seiner Grundschulklasse der beste Ringer sein!
Interessant ist aber, dass es im Fußball bei den Österreichern und auch bei den Ungarn schon lange nicht mehr läuft. Das war vor 50 und 60 Jahren noch ganz anders. Da waren Rapid Wien und Admira noch Begriffe! Und Ungarn zuerst nach dem Krieg! Die spielten ja sogar die Engländer in London an die Wand, die Puskas und Hidekuti etc. und wo sind eigentlich meine Pillen? Erna?
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Ganz anders geht es mir da schon alltags. Nun verhält es sich so, dass ich es „noch einmal wissen“ will und meine bislang nicht wenig verkorkste Karriere durch den Abschluss einer Fachhochschulreife und, wer weiss, ein Studium doch noch einmal etwas Schwung geben möchte. Das lebenslange Lernen ist ein Konzept, dass ich durch das geschickte Ausnutzen der Bildungssysteme in verschiedenen Bundesländern durchaus auszureizen weiss. Es ist jedoch eine einigermaßen erniedrigende Erfahrung, und das sage ich bei aller Arroganz, noch einmal diesen Stoff durchnehmen zu müssen, der mich doch schon vor 10 Jahren langweilte (weswegen ich es vorzog in die Stadt zu gehen o. Ä.) und mir teils lähmende Fragen jüngerer Mitschüler, zum Beispiel die, mit welcher Farbe die Argumentation in einem Satz unterstrichen werden soll, anhören muss. Aber ein Spaß ist es auch! Es gibt wohl neue Musikgattungen, von denen ich nie etwas gehört habe, die in der Regel mit -core enden und die ich jetzt als Plattform nehme für den Einstieg in den Kulturpessimismus, irgendwo muss man ja auch einmal anfangen. Auch ist es toll, mir wieder einen „Bleier“ zu leihen, um „Bio“ machen zu können oder „Geschi“. Man will da gar nicht wieder weg, aber das war ja bislang immer mein Problem.
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Jetzt aber: Memes kommen aus dem Nichts (das war früher meist /b/), verselbständigen sich irgendwie und ziehen ihren ganzen Charme aus einer ungeordneten Kraft, dem sofortigen Wiedererkennen, ohne sich hier auf einen Zeitpunkt beziehen zu können, an dem man „es“ mitbekommen hat (war ja einfach irgendwann da) und vor allem ohne eine strukturiert erarbeitete Arbeit, die es bekannt gemacht hat. Ein- und derselbe Punkt wurde soeben in verschiedenster Darreichungsform wiederholt, eben warum? weil er ein Meme definiert. Und eben nicht einfach die Tatsache, dass da etwas aus dem Internet kommt und bekannt ist. Das ist und bleibt der altmodische Hype. Der anonym getragene Hype wäre hier, soviel Kompromiss muss sein, das forced meme, eine zu verurteilende Angelegenheit, die auch dem „und alle so: yeaah“-Witz jeden, aber auch jeden anfangs innewohnenden Charme raubt. Als Plakatschreiberling jedenfalls, der vielleicht vom obrigkeitsgläubig-inspirierten Herdentier-Aufruf „Die Kanzlerin kommt“ genervt war, wäre ich jetzt ein sehr, sehr trauriger Mensch.
Seit ca. 10 Jahren bin ich jetzt Muse-Fan, und „was als harmloser Spaß begann, wurde tödlicher Ernst“ (Giesela Friedrichsen). Es ist mir, seitdem ich irgendwann einmal nachts auf Viva 2 auf das Video Muscle Museum stieß, nicht möglich, diese Band objektiv zu betrachten, da es zwischenzeitlich fast zu einer Obsession wurde, mir mit einem 56k-Modem Live-Auftritte bei Kazaa herunterzuladen, bei ebay Bootlegs zu kaufen und TV-Zeitschriften nach Auftritten abzugrasen (ca. 2001 hatte man gute Chancen, wenigstens einmal pro Woche etwas zu finden). Deswegen ist folgender „Versuch einer Annäherung“ (Feuilleton Gala) auch mit etwas Nachsicht in diese Richtung zu betrachten.
Uprising
Erst gestern Abend blieb mir fast das Herz stehen, als Vox völlig unkritisch und mit dieser ekelhaft-überheblichen Galileo/Gillian Anderson-Synchronstimme eine Doku über die „Mysterien“ des Anschlags vom 11. September ausstrahlte, in der die üblichen, gut abgestandenen und längst widerlegten „Beweise“, dass das WTC gesprengt wurde, aufgetischt wurden. Fast war ich versucht, einen „wütenden Leserbrief“ zu schreiben, aber ich besann mich noch.
Nun liefert Muse den passenden Soundtrack. Es ist bekannt, dass Matt Bellamy einen Hang zu Verschwörungstheorien, Science Fiction und Paranoia hat, was in einem künstlerischen Zusammenhang ein durchaus spannendes Thema ergiben kann, man denke nur an Ruled by Secrecy. Leider fließen derlei Gedanken hier nur allzu unironisch ein und es bleibt beim sehr platitüdenhaften „they„, und gemeint sind halt die da oben, die uns einlullen, belügen und hinter allem steckt etwas größeres.
Immerhin, der Song hat ordentlich Wums! und ist ein idealer Club-Song, und in Clubs hört eh niemand auf den Text.
Resistance
Würden The Killers und Jean-Michel Jarre einen Song zusammen aufnehmen, hier wäre er. Litt Black Holes & Revelations darunter, dass pro Song nur eine Idee verbaut wurde, wo Muse vorher mindestens 3 Songs in einen verarbeiteten, findet die Band hier zurück zu dieser schönen Art. Eine schöne Uptempo-Nummer, dessen Refrain zum hüpfen einlädt, allerdings sehr asynchron und im Publikum wird viel gelacht werden.
Lyrisch geht es diesmal nicht um Politik, sondern um die Liebe im Kampf gegen äußere Umstände, dass „Durch den Monsun“-Thema.
Undisclosed Desires
Dieser Song wurde beim ersten Streaming kontrovers aufgenommen. Auch ich war anfangs skeptisch, aber dank der Seminare und Broschüren, aber nach mehrmaligen Hören ist mir die Nummer sehr ans Herz gewachsen. Viele schrien „Timbaland!“ und noch einmal „Timbaland!“, einer gar „Timberlake!“, der Doofe, ich aber schreie: „Ja, so muss es klingen, wenn Map of your Head auf die Möglichkeiten von Endlessly stößt!“ Ein Refrain, der nicht mehr weggeht und dies auch garnicht soll, und ein Unterbau, der einem wohl nur auf einer guten Anlage auffällt.
United States of Eurasia (+ Collateral Damage)
Zu diesem Song wurde bereits alles gesagt, angefügt sei noch, dass es sich beim Outro um ein Stück von Chopin handelt, was mir als Klassiklaie entging.
Guiding Light
Nein. Eine Nummer, die sogar mir zu weit geht. Nehme Invincible, nehme die Simple Minds, nehme Will you be there, nehme das ganze mal Tausend und Du bist noch nicht einmal nahe dran (frei nach Mark Rents, Trainspotting). Ich verstehe, dass Matt seine Stimme austoben lassen möchte, aber hören muss man es ja nicht.
Unnatural Selection
So nämlich muss das klingen. Nach dem Unnatural Desaster eben wieder eine wütende Nummer, und es hat bis Song 6 gedauert, bis Matt auf seiner Gitarre, immerhin seinem sechsten Sinn, richtig Gas gibt. Zwischenzeitlich verliert er sich ein wenig im Rumgefiedel, während Dom und Chris einzuschlafen scheinen, aber irgendwann muss ein Live-Publikum ja auch mal Luft holen dürfen. Leider wird der Song hierdurch ca. eine Minute zu lang, irgendwo orgelt auch noch eine, nunja, Orgel rum, aber die haben Muse ja immer in der Tasche, wie es scheint.
Bis ich den Text verstanden habe, vergehen wohl noch einige Durchgänge, aber wie so oft in letzter Zeit geht es um die Suche nach der Wahrheit.
MK Ultra
Der Titel hat wohl nichts mit Mortal Kombat zu tun, würde sich als Soundtrack zu einer „zünftigen Prügelei“ (Videospielmagazine, alle!) wunderbar eignen. Ich halte die Melodie für relativ belanglos und den Song insgesamt für einen Füller. Das ist der Song, bei dem man bei der Aufzählung der Tracklist ins Stocken gerät.
I belong to you (+ Mon Coeur s’ouve a ta Voix)
Huch, jetzt ist mir ein Song von Maroon 5 in die Tracklist…. moment, nein, es ist Muse.
Immerhin scheint die Bereitschaft durch, neue Sounds zu wagen, und Chris bemüht sogar ein Slap-Bassspiel, während sich das Klavier an einer längst vergessenen B-Seiten-Version von Cave orientiert. Sehr poppig und radiotauglich.
Im Mittelteil des Songs verwandelt sich das spaßige Herumgespiele in eine klassische Klavierballade, aus der es, trotz aller Versuche, nur schwer wieder herausfindet. Mit Hilfe einer Oboe gelingt es jedoch am Ende und man stellt fest, dass es sich doch noch um den gleichen Song handelt.
Exogenesis: Symphony Part I (Overture)
Es wird klassisch. Als Overture zum Dreiteiler erwartet hier ein kleines Streichorchester, dass untermalt wird von einer Synthiewand, dem Wimmern des Sängers, einer Schlagzeugroutine und der Erwartung auf großes, dass da am Horizont dräut.
Exogenesis: Symphony Part II (Cross Pollination)
Dieses Große beginnt, wie so oft bei Muse, wie so selten jedoch auf diesem Album, mit einem Klaviersolo. Ein Science-Fiction-Plot wird erzählt und man fragt sich, warum man es bei den Lyrics nicht mehr unter dem Zusammenbruch des Universums macht, aber wenn er denn so klingen soll, bitte, ich bin dabei.
Exogenesis: Symphony Part III (Redemption)
Als Filmfan denke ich hier an Truman, der Kenner meint aber hier ein Brahms-Motiv zu hören. Da dieses aber zu den schönsten gehört, die ich kenne, ist ein wenig Plagiatentum erlaubt. Ein versöhnliches Ende eines Albums, dass mich zwiegespalten hinterlässt.
Einerseits sind es wunderschöne Melodien, recht viel Experimentierfreude und als Pathos- und Kitschfreund wird man hier bestens bedient. Andererseits entdeckt man eine von Album zu Album zunehmend verflachende Lyrik, es ist fast so, als hätte Matt Bellamy überhaupt keine Lust mehr, überhaupt noch zu schreiben, sondern würde sich am liebsten auf die Musik konzentrieren und seine nach wie vor fantastische Stimme als zusätzliches Instrument einsetzen.
Auch die Eigenproduktion tat dem Album nicht gut. Es fehlt einfach der Faden, der sich durch das Album zieht, der Absolution zu einem Meisterwerk machte. Hier ist mal die Stimme übersteuert, dort hört man vor lauter Schlagzeug nichts anderes mehr.
Unter dem Strich bleibt die Band aber auf einem Niveau, dass das meiste andere in diesem Segment (aber was wäre das?) überragt und wie immer wird man wohl auch dieses nach vielen, vielen Durchläufen mehr zu schätzen wissen als man am Anfang glauben mag.
Das Niveaugefälle zwischen kleiner Indieperle und grobschlächtigem Bierzeltwahnsinn lässt sich eindrucksvoll aufzeigen, wenn man eine einzelne Thematik aufgreift und verschiedene Wege, diese musikalisch aufzuarbeiten, gegenüberstellt.
- Irgendwo in meiner Nachbarschaft läuft eine Millionen mal Du, bzw. tausend mal Tausend mal Du von der Münchner Freiheit.
- Mit ca. 16 Jahren spielte ich Schlagzeug in einer zwei-köpfigen Punkband. Nach einer Zeile von Helge Schneider nannten wir uns „Die drei lustigen Zwei“. Wir hatten nur einen Song, den wir nur einmal vor 5 Leuten spielten. Es war ein Nena-Cover und hieß „Von Bier geträumt“, wir orientierten uns aber an der Version von Blümchen. Jetzt arbeite ich am großen Comeback und schreibe den zweiten Song. Arbeitstitel: „Jetzt wird wieder in die Schüssel gespuckt“ und geht weiter „wir haben zu viel Jägermeister geschluckt“ o.ä.
- Das ist aber noch die Roh-Version, sprich: klingt nach Lukas Hilbert.
- Wer diesen Witz verstehen will, muss wissen, dass Schmusesänger, Produzent und ehemaliges Popstars-Jury-Mitglied Lukas Hilbert einmal in einer Punkband namens Roh gespielt hat. Sie wurden ein wenig berühmt, als sie Dr. Sommer-Briefe vertonten, die dann „Onanie ist voll Ordnung“ oder „Ich soll ihm einen blasen“ hießen. Zuerst fand die Bravo das „total frech und witzig“, verklagte sie aber dann doch.
- Kam ich mit ebenfalls 16 nachts nicht zur Ruh (tausendmal Duuuuuh), zappte ich mich durch die Fernsehlandschaft, wo im Dritten eine hervorragende Reihe namens „Videotagebuch“ lief. Begleitet wurden verschiedene Leute, zum Beispiel ein Zivi im Wattenmeer und eben auch Roh. Kann man sich gut angucken.
- Genug von Roh! Guten deutschen Rock machen nämlich auch Jupiter Jones, und als bekennender Hörspielfan freue ich mich über die zahlreichen Verweise auf die drei Fragezeichen, die die Band bereithält. Dr Name sowieso, auch das Label heisst Mathildas und Titus Tonträger. Oliver Rohrbeck (Justus Jonas) hat gar einen Auftritt im Song „Das Jahr, in dem ich schlief“. Und man weiss, ein Sänger, der ein T-Shirt aus der Manufaktur katzundgoldt trägt, kann kein schlechter Mensch sein. Oder ein schlechter Mensch mit aus der Sicht schlechter Menschen schlechtem Klamottengeschmack. Indiefreunde kennen die Band natürlich schon wieder seit Urzeiten, aber an mir geht sowas wegen unangebrachter Vorurteile deutscher Gitarrenmusik ja immer jahrelang vorbei.
Ich hege auch große Vorurteile deutschen Schauspielerinnen gegenüber, aber Gott, ist die Jana Pallaske (ein Name, der spontan erst einmal Juckreiz auslöst) aus dem Video da oben nicht einfach süß? Andererseits erkennt man vor lauter Kamerableich ja auch keine Konturen. Und Mangafiguren sind immer süß.
- 18 Jahre habe ich mir vorgestellt, der Song „Goodbye Horses“ von Q Lazzarus, das ist dieser Song, der in der berühmten Szene aus Das Schweigen der Lämmer gespielt wird, in der Buffalo Bill sich nackig macht, wird von einem verhuschten, kleinen, bleichen Goth gesungen, weil das ja ungefähr die Stimmung des Film wiedergibt, aber am Ende war’s halt doch eine schwarze Sängerin. Das ist auf ganz eigene Weise deprimierend.
- Das deprimierendste Genre ist jedoch AOR, Adult Oriented Rock. Alte Männer singen Lieder, in denen die Wörter „these“ „days“ und „gone“ tragende Rollen spielen. AOR = Emo des alten Mannes.
- 3/4 von Blumentopf lassen sich nur noch mit Hut sehen. Werden halt auch nicht jünger. Siehe Wahlwerbespot.
- Farin Urlaub kriegt auch eine Platte, aber keine Goldene.
Als ich ein kleiner Junge war, und der Rock'n'Roll nach Ostdeutschland kam, da haben die Kommunisten gesagt, er sei subversiv - möglich, dass sie Recht hatten. Arnold Schwarzenegger, Phantom Kommando