Diese Soldaten da, die mit dem Totenschädel rumgekaspert haben, sind ziemliche Schwachmachten, scheint mir. Aber nichtsdestotrotz: Solche Idioten finden sich überall. Ich denke nicht, dass das irgendetwas damit zu tun hat, dass sie Uniform tragen. Klar ist es scheisse, aber es ist menschlich. Nicht menschlich im Sinne von nett und ach ja, kleine Fehler passieren, sondern menschlich mit all seinen Konsequenzen. Und dazu gehört, dass in jedem Menschen auch der Typ steckt, der sich einen Dreck um Würde etc. schert.
Egal. Zum Thema Bund habe ich mal einen Text von mir rausgekramt, nichts weiter als die Erinnerungen eines Abgängers, die jeder Ex-Bundi ein paar Wochen nach seiner Entlassung schreibt, mit nur wenigen aktuellen Änderungen.
Eingezogen wurde ich am 1. Juli 2003. Ihr erinnert euch vielleicht, es war ein Rekordsommer, und ich hatte eigentlich andere Pläne als mich anbrüllen zu lassen und durch irgendwelche Schlammgruben zu rutschen. Dementsprechend demotiviert kam ich dann auch pünktlich in der Kaserne in Bad Segeberg an. „Heimat der Panzergrenadiere“ stand denn auch schön auf dem Wachgebäude. War ich also jetzt Panzergrenadier. Wahnsinn. Freundliche Soldaten aus Pappe wiesen mir dann den Weg zu meiner Kompanie, wo ich mir dann aussuchen durfte, ob ich eine Raucher- oder eine Nichtraucherstube möchte. So einen Service habe ich dann doch nicht erwartet, als Nichtraucher. Ich war der letzte in meiner Stube, obwohl ich relativ früh da war, also hieß es erst mal die anderen beschnuppern. Und dann ging es auch schon los.
Ich werde jetzt mal nicht alle Einzelheiten aufzählen, was mir die nächsten 9 Monate passiert ist. War nämlich nicht wirklich viel. Aber vielleicht mal ein paar Dinge, die noch hängengeblieben sind.
1. Vorgesetzte sind auch Menschen. Es ist unglaublich, aber das Soldatengesetz ist so ausgelegt, dass man als Wehrpflichtiger fast schon mit Samthandschuhen angefasst wird. Es wurde praktisch nie gebrüllt bei uns, außer im Suff nach Dienstschluss, aber die Ausbilder hielten sich sehr zurück. Im Gegenteil, uns wurde immer alles halbwegs freundlich gezeigt. In der kleinen Gruppe von 9 Mann + Gruppenführer (hiermit grüße ich den Feldwebel Tippelt) ging es sowieso immer sehr locker zu. Mit vielen Vorgesetzten ist man nach der Grundausbildung eh per Du. Man hatte aufgrund der Schulterklappen dennoch immer das Gefühl „der da ist mächtiger als Du“, was schon unangenehm sein konnte. Es gab auch ein, zwei Fälle, wo Vorgesetzte sich ihre höhere Stellung zu Nutzen machen wollten. Man darf da keine Scheu haben, zum Nächsthöheren zu gehen, denn wenn die Bundeswehr eines nicht mag dann schlechte Publicity.
2. Chaos mit System. Man sollte meinen, in einer Gemeinschaft, in der die Aufgaben klar verteilt sind und es so etwas Ähnliches wie eine Hackordnung gibt, sollte alles laufen wie geschmiert. Denkste. Leider wusste in meiner Einheit die linke Hand oft nicht was die rechte tut. So muss man sich am Anfang oft anpflaumen lassen, weil man einen Befehl ausführt, den der andere so nie gegeben hätte. So gibt einem der Eine 15 Minuten Zeit zum Essen (wow, wie großzügig) während der andere sich wundert, warum wir nach 5 Minuten nicht wieder da sind (ja, kam vor). Der große Vorteil ist: Wenn man die Strukturen durchschaut hat und weiss wer wann mit wem redet oder nicht, kann man das zu seinen Gunsten ausnutzen. Ich werde nicht verraten wie, aber ich habe die Schwachstellen im System gesucht und mir so einige schöne freie Stunden beschafft, ohne dass ich vermisst wurde. Ich möchte schon fast sagen, ich habe die Kunst der Abseilens bei der Bundeswehr auf ein neues Level gehoben. Wieviele Soldaten können von sich behaupten, tagelang weg gewesen, bzw. nur zum Frühstück erschienen zu sein, ohne dass auch nur nachgefragt wurde? Auf Einzelheiten gehe ich da aber besser nicht ein.
3. Sport ist Mord, oder: Sind Soldaten wirklich Mörder? Jaja, der Sport bei der Bundeswehr. Das ist schon so eine Sache. Viele, die zum Bund gehen, haben vorher nicht wirklich Sport gemacht und sind Schlaffis, aber ich, bei Gott, war der Schlimmste. Aber man darf nicht meckern. Ich wurde dort schon ein bisschen trainiert. Beim ersten Eingewöhnungsmarsch von 4 Kilometern mit allem Gepäck bin ich noch fast zusammengeklappt, 3 Monate später habe ich den 30-Kilometermarsch fast ohne Probleme bestanden (bei km 24 musste ich meinen 10-Kilo Rucksack aber abgeben, der war dann doch ein wenig viel). Die 6 Monate danach hab ich dann übrigens wieder übel zugenommen… Und Soldaten sind übrigens keine Mörder. Zu 80 % besteht die Bundeswehr aus Wehrpflichten, grob geschätzt, und nicht die Hälfte von denen wäre da wenn sie wirklich glaubten dass es Ernst werden würde. Keiner der Menschen die ich da getroffen habe war irgendwie kriegsgeil oder hat dumme Sprüche gemacht. Und es gab auch nicht einen rechten Menschen da, was sehr angenehm war.
4. Gute Reise. Wir waren fast auf dem Weg zum Übungsplatz, Gewehr bei Fuß, Tarnschminke im Gesicht und Helm auf dem Kopf. Da wurde ich vom Spieß (das ist der Suppenverteiler, der sich auch um Personalangelegenheiten kümmert) in sein Geschäftszimmer beordert. „Sie fahren morgen nach Bayern!“ Bitte? Ja, weil in meiner Akte stand dass ich Fachhochschulreife Fachrichtung IT gemacht habe dachte er, dass ich mich super mit Computern auskenne und in Bayern würde ja eh noch ein Geschäftszimmersoldat gebraucht. Dass ich die Schule nicht geschafft habe stand leider nicht in der Akte. Ich werde mal abkürzen. Es lief darauf hinaus, dass ich als kleines, ahnungsloses Licht nun für 400 Soldaten aus 30 Einheiten aus ganz Deutschland zuständig war, ich hatte 2 Tage Zeit mich einzuarbeiten, danach war mein Vorgänger weg und überhaupt, es war die Hölle. Seitdem habe ich Angst vor Excel, Vollständigkeitslisten und Bahnfahrkarten. Erwähnte ich dass ich alleine war (abgesehen vom Chef und Spieß, die ich beide nicht kannte)? Nach 2 Wochen war alles vorbei, ich kam zurück, machte meine Ausbildung zuende und wurde auch in Bad Segeberg ins Geschäftszimmer gesetzt. Da war ich nun ein mächtiger Mann, weil alle was von mir wollten, Urlaubsanträge, Schlüssel, Snickers, alles halt. Und dann wurde ich wieder zum Spieß reingerufen (mein alter, nicht der aus Bayern). „Sie fahren in 2 Wochen nach Bayern!“ Bitte? Ja, aber diesmal nicht alleine, mein Chef, mein Spieß und 6 meiner Kameraden kamen diesmal mit. Die machten mir das Leben um ein vielfaches einfacher. Okay, im Geschäftszimmer war ich immer noch alleine, und ich musste immer noch schuften von 7.00 Uhr bis 21.00 Uhr, aber ich hatte jemanden mit dem ich Zeit verbringen konnte. Es gab nämlich im Umkreis von vielen Kilometern nichts. Die Kaserne war ausgelegt für 15.000 Mann, anwesend waren 400 + ein paar amerikanische Soldaten. Und so hart die Zeit auch war, es war fast Weihnachten, ich möchte diese Zeit nicht missen. Die Landschaft war so herrlich, dass ich mich teilweise freiwillig gemeldet habe, den Müll mit einem Kameraden mit dem LKW wegzufahren, nur um dem Ausblick zu genießen…
5. Die letzten Wochen. Dazu möchte ich nicht mehr viel schreiben. Sie waren schlimm. In dieser Zeit ging die Beziehung zu meiner Freundin kaputt (inzwischen sind wir jedoch wieder zusammen), ich hatte mit schweren Depressionen zu kämpfen und hatte jedesmal Angst, Wache zu schieben, weil ich dann mit der geladenen Waffe nachts Streife gegangen bin. Mit Depressionen ist es nicht leicht, eine geladene Waffe vor sich herzutragen, dazu im Februar wenn es immer dunkel ist. Ich bin in dieser Zeit dann fast jeden Tag nach Hause gefahren, obwohl ich erst um 19.00 Uhr zu Hause war und dann immer schon um 3.00 Uhr morgens wieder aufstehen musste. Ich habe es dort nicht mehr ausgehalten und habe öfter meine Wegschleichtricks benutzt um meine Ruhe zu haben.
Als es dem Ende zuging und es wieder länger heller blieb wurde es ein wenig besser, am letzten Abend, als wir gefeiert haben und uns Fotos auf dem Beamer angesehen haben, da wurde ich dann doch traurig dass es vorbei ist.
Fazit: Die Bundeswehr kann ein Erlebnis sein, dass einen positiv beeinflusst. Sie kann einen aber auch sehr verändern. Sie hat mich stark verändert.
Jetzt, mit ein wenig Abstand, würde ich wohl sagen, nie wieder Bund. Aber so richtig bereuen, dass ich da war, tu ich es auch nicht.
Sebastian Sachse, Obergefreiter a. D.
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Ich denk, dass die ereignisse mit den Totenschädeln in den medien übertrieben ins moralische gezogen werden.
Mich würde es nicht wundern, wenn im nahen osten als folge davon wieder eine große welle des protestes losgehen würde – und zwar vor allem ausgelöst durch den gigantischen stellenwert, der diesen geschehnissen hier in deutschlands Medien u. Gesellschaft inzwischen zugeschrieben wird.
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