Datenmessitum ist genauso krankhaft wie echtes Messitum, es hat nur keine grundlegend negativen Folgen, man spricht daher seit jetzt auch von opferlosen Gebrechen.
In den letzten Jahren hat sich die grundlegende Problematik, die Angst, eine verlorene Datei ist auf ewig verloren, eigentlich erledigt. Die Dateisuche im Internet ist quasi perfektioniert, wer im www ein Lied nicht findet, findet es im P2P, wer es dort nicht findet, findet es zumindest als Video auf youtube und kann es sich dort rippen. Es gibt keine raren Tracks mehr, sogar alte Shellack-Platten werden heute hochgeladen, und mag die Seite auch verschwunden sein, was einmal im Netz ist verschwindet nie wieder. Puristen mögen das widerlich finden, ich finde das widerlich. (Ich bin nämlich Purist.)
Ich bin nämlich immer noch Datenmessi. Das fiel mir grade auf, als Winamp im Shufflemodus das Lied “Fotzenrap” von Äi-Tiem ausspuckte, nein, -kotzte, nein, um genau zu sein, abspritzte. Der Fotzenrap ist ein unfassbar primitives Lied, der Titel verrät es eigentlich schon. Es ist von 1995, die Formation gibt es schon rund 10 Jahre länger, sie ist der Beweis, dass Pornorap auch hierzulande schon auf eine kleine Tradition verweisen kann und nicht zwingend ein Berliner Phänomen der letzten 7 Jahre ist. Auch früher gab es nicht nur Spaß- und Kopfhiphop.
Jedenfalls war der Fotzenrap eine meiner allerersten mp3s, ich muss die Datei seit ungefähr 1999 besitzen. Von P2P wussten wir damals nicht viel, nichtmal große LAN-Parties haben wir damals veranstaltet, sondern bloß immer 2-3 Rechner vernetzt. Und so kam ich an dieses Kleinod, dass ich damals schon doof fand, aber von der Tatsache begeistert war, dass diese Datei nur 3 MB groß ist. Es ist das selbe Phänomen, dass dafür gesorgt hat, dass man auch noch den dämlichsten Zeichentrickfilm gebrannt irgendwo rumliegen hatte, weil allein die Quantität an gebrannten Filmen, die man damals vorzeigen konnte, tatsächlich ein Wert war, ein Statussymbol. Weil es etwas besonders war, “gebrannte Filme” zu besitzen. Unglaublich dumm, unglaublich jugendlich. Ich frage mich an dieser Stelle, womit die Jugendlichen heute auf ihrem Rechner angeben, die Quantität fällt aufgrund unbegrenzter Speicher- und Zugriffsmöglichkeiten weg. Sollte die von Ulrich Meyer vielbeschworene Pornografisierung durch Handypornos tatsächlich ein Substitut dafür sein? Irgendwas brauchen sie ja zum angeben.
Es ist Zufall, aber angenehm, dass ich hier thematisch stimmig den Bogen zurück zum Fotzenrap schlagen kann. Wie gesagt, ich habe ihn mir damals nicht kopiert, weil es der Fotzenrap war, sondern weil es eine dieser ominösen mp3s war. Und darüberhinaus kein populäres Stück, sondern tatsächlich ein rarer Track.
Und so etwas gibt es ja heute garnicht mehr. Ich könnte die Datei also einfach löschen. Sie ist nichts besonderes mehr, sollte ich das unwahrscheinliche Verlangen verspüren, dieses Lied noch einmal zu hören, hätte ich es in 5 Minuten wieder. Und warum tue ich es nicht? Warum gehe ich das Risiko ein, dass dieses Lied zu einem unpassenden Zeitpunkt abgespielt wird (die Tatsache, dass ich meine all.m3u-Playlist ernst nehme, ist nur eine weiter meiner unbedeutenden Neurosen)?
Weil da halt auch wieder Erinnerungen dran hängen. Eben nicht am Lied, sondern an den Umständen, die da dran hängen. Das Lied zu löschen und neu herunterzuladen wäre symbolisch das genaue Gegenteil von eigentlich Wert dieser Datei. Und klebt an neuen Dateien oftmals ein Kopierschutz, klebt hier deswegen das genaue Gegenteil: Ein Löschschutz.
Bilder
Auch ich oute mich hiermit als Datenmessi , allerdings sind meine gesammelten Daten alles anderes als messy ; schwachsinnig und nutzlos aber ungefährlich und jugendfrei. Aber dennoch sehr nutzlos.
Ich muss schon viel Überwindung aufbringen , um bei einer Datei auf den “entf” Button zu gehen.
Die Folge ist , dass schon der Laptop , den ich erst seit Weihnachten benutze schon total vermüllt mit Videos , Bildern und selbstgeschriebenen Mist ist.
Ich finde den Ansatz gut, auch Daten als Teil des eigenen Lebens zu betrachten – denn meiner Mienung nach ist das schlimmste an digitalen Daten, dass sie nicht physisch sind und damit auf eine gewisse Art und Weise wertlos…
Man denkt siewären wertlos. gerade gestern räumte ich mein Büro auf Arbeit auf und fand Disketten mit Uralten Virenscanner und DOS- BATCH tools die man auf arbeit brauchte und sich gebastelt hatte und mit einem C:/abgehts.bat einen Rechner “reparieren” konnte.
Das sind Erinnerungen.
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