
Zugegeben, ich bin nicht der Erste, der einen gewissen Irrsinn in der Personenkomposition von Stock-Fotomodellen entdeckt. Doch auch hierzulande bemüht man sich in der Werbung, und damit meine ich nicht die Mover & Shaker-Werbung der hippen Sorte, sondern die Wald & Wiesen-Werbung der traurigen Anzeigenblätter und Lokalzeitungen, ein möglichst diversives Bild der Bevölkerung zu zeichnen. Das ist natürlich löblich, wirkt aber ziemlich albern.
So veranstaltet die Messe Sindelfingen (auch nicht verpassen: die Waffenbörse vom 13. – 15. März!) auch dieses Jahr wieder eine Messe für Job & Karriere, an der man als junger und aufstrebender Arbeitnehmer vorstellig werden kann um seine Vorzüge zu präsentieren oder Kontakte zu knüpfen (“labour-optimized socialising” – ausgedacht). Als Zielgruppe ins Auge gefasst hat man dem Bild nach aufstrebende junge Menschen, die sich um ihre Zukunft offensichtlich keine Sorgen mehr machen müssen, sind sie doch gehüllt in feinstes Tuch und strahlen eine Aura der Zufriedenheit aus. Ein Schelm, wer denkt, dass der Werbebebilderer im Kopf den Ausdruck der Young Professionals mit “junge Professionelle” übersetzte und allein deswegen seine Bildauswahl traf. Derartige “Subtilität” entdeckt man ja durchaus des öfteren.

Nein, hier geht es vielmehr darum, die Weltoffenheit zu zeigen, die Toleranz, die einem heutzutage in der Arbeitswelt begegnet. Selbstverständlich werden in einem Unternehmen heutzutage Führungskräfte zu je einem Drittel aus Schwarzen, Weissen und Asiaten zusammengesetzt. Nicht wahr?
Kommen wir zu einem anderen Thema, der Wirklichkeit: Simon machte ich mich gestern auf die Dokumentation Sollbruchstelle aufmerksam, ein sehr gelungenes (und überraschenderweise vom MDR produziertes) Stück über das Bild der Arbeit aus Arbeitnehmersicht, welches anhand mehrerer Beispiele gezeichnet wird. Die meisten haben wahrscheinlich in ihrer Jugend ein Bewerbungstraining im Rahmen eines Schulausfluges beim örtlichen Mittelständler durchgeführt. Bei mir war es zum Beispiel die Lübecker Niederlassung irgendeiner gesichtslosen Krankenkasse, deren Personalreferenten sofort auffiel, dass ich meine Beispielbewerbung, die wir als Hausaufgabe aufbekamen, nahezu 1:1 lustlos aus einem Ratgeber abetippt habe. (Unser Penny bietet übrigens seit mehreren Wochen eine elektronische Schreibmaschine erfolglos zum Verkauf an, wie mir grade einfällt. Kurios.) Die Leiterin des Seminars besticht in dieser Sequenz durch herzerfrischend ehrliche Aussagen wie die, dass man sich klar werden müsse, dass man “im Grunde erst einmal als Bittsteller” kommt und dass es zwar bei einer Bewerbung Regeln auf beiden Seiten gibt, der Bewerber sich auch dran halten muss, der “Arbeitgeber aber alles darf”. Eine Schülerin erzählt, dass ihr von einem Berufsberater gesagt wurde, wer als Schüler keine Ausbildung bekommen hat, den Status “nichts” trägt, da man erst nach einem Jahr Arbeit als arbeitslos gelten kann. Man ist “nichts”.
Die meiste Zeit des Film wird sich dem Vater der Regisseurin gewidmet. Er arbeitete 30 Jahre bei einer Automobilfirma, die ihn nicht loswerden konnte, weswegen sie ihn isolierte. Er bekam ein abgelegenes Büro und keine Aufgabe, darüberhinaus wurde ihm der Kontakt zu Mitarbeitern verwehrt. Man hoffte, er würde freiwillig gehen. Da er dies nicht mitmachte, wurde seinem sadistischem Personalleiter gekündigt, da der es nicht schaffte, den unliebsamen Arbeiter, pardon, Menschen loszuwerden.
Am perversesten ist wohl der Abschnitt über einen Menschen, der sich 8 Tage auf einen Stuhl in einem Riesenplakat der Firma Media Markt setzte, um den Rekord im “Flachbildfernseher für 1777 Euro”-Sitzen zu brechen. Riesige Pfeile auf dem noch viel riesigeren Plakat zeigten auf ihn und höhnten mit Sprüchen wie “Er winkt auch zurück”, was er auch tat, es war schließlich sein Job. Von Plakaten herunterlächeln und freundliches Winken war bis dato eine Stellenbeschreibung, die nur vom Bundespräsidentenamt erfüllt wurde.
Man mag garnicht erwähnen, dass sich der Plakatsitzer später von einem Hochhaus gestürzt hat. Es würde ihm nicht gerecht, einen Kausalzusammenhang herzustellen, denn ein Mensch ist mehr als seine Arbeit. Natürlich, vielleicht hat der Mann einen Schaden von dieser Unarbeit weggetragen, wer könnt’s ihm verübeln, aber vielleicht war er auch einfach ein Mensch mit 1000 anderen Problemen. Ich möchte seinen Suizid und damit auch ihn nicht auf diese Arbeit reduzieren, wie es der Film unterschwellig in seinem Schlussstatement tut. Dennoch ist er sehr sehenswert.

Danke für den Hinweis. Habe den EPG mal mit passendem Suchstring gefüttert für den Fall der Wiederholung.
Von: Niels am 23. Februar 2009
um 11:14
Ja, die Mediatheken habe ich leider erfolglos durchsucht.
Von: Sebastian am 23. Februar 2009
um 12:25
Klingt in der Tat gut.
BTW Penny: Die Idee mit dem Kostüm aus Penny-Tüten lässt bei mir ja jetzt doch die Frage aufkommen, ob die Manger von Penny ihre Kunden nicht insgeheim verachten!
Von: MuGo am 23. Februar 2009
um 20:35
Insgeheim sind die von Lidl, Penny verachtet ganz offen. Muss man ihnen zugestehen
Von: Sebastian am 23. Februar 2009
um 22:25
die ist nicht groß, sondern klein.
Von: meistermochi am 23. Februar 2009
um 22:53
Wer ist klein?
Von: Sebastian am 24. Februar 2009
um 09:12
das patenkind. wenigstens hinkt die gegenüberstellung an dem punkt ein bisschen.
Von: meistermochi am 24. Februar 2009
um 11:15
Die habe ich ja zufälligerweise auch gesehen, aber den Anfang verpasst gehabt.
Ich fand’ auch die Szene mit den Kindergartenkindern sehr merkwürdig, als sie übern den Schäfer diskutierten. Und auch, dass der Herr unbedingt herrausstellen musste, wie HÄSSLICH die Schäferin, der Schäfer und der im Ford Granada doch alle wahren. Alles nur Bucklige, einer sogar mit Klumpfuß.
Die Bildsprache war das beste an der Doku, die Doku selbst eher so-la-la.
Von: causa prima am 24. Februar 2009
um 20:27
Empfand ich eher umgekehrt. Die Aufnahmen der trostlosen Pendler waren schon wirkungsvoll (auch bei mir), aber ich fand das ein wenig plakativ. Da wurde den Leuten wieder ein wenig die Individualität abgesprochen. Man kann ja nicht in die Köpfe gucken, aber ich nehme an, die werden schon ihre eigenen Gedankenwelten haben, in die sie versunken waren.
Der Kindergartendialog ist eine schöne Möglichkeit, vom kleinen aufs ganze Leben zu schließen
Wer hat Schuld, wenn sich das Schaf verletzt? Das Schaf, der Schäferhund oder der Schäfer? Eigentlich eine sehr interessante Fragestellung.
Von: Sebastian am 25. Februar 2009
um 11:13
Warum sagt mir eigentlich niemand bescheid, dass er erste Link kaputt ist? Sollte jetzt gehen.
Von: Sebastian am 26. Februar 2009
um 08:12
ein mensch wird heutzutage nur über seine arbeit definiert, und nur darüber. es wundert nicht, dass sich leute aufgrunddessen umbringen, weil sie ja tatsächlich in der gesellschaft “nichts” wert sind. und wer arbeitslos ist, ist nicht nur seine arbeit los – sondern auch seine identität. und das verkraftet jemand der keine perfekte familie und keine perfekte 2. alternativ-identität hat nur sehr schwer
Von: Sanja am 1. März 2009
um 21:28
Das ist exakt das Problem. Es ist vielleicht nicht einmal, dass man von der Umwelt über seine Arbeit definiert wird, sondern man sich selber auch daran misst. Davon muss man sich lösen, zumindest, wenn man keine Arbeit hat (wenn irgendwelche workaholics ihren eigenen Wert allein daran messen – sollen sie halt), oder welche, mit der man unglücklich ist. Aber die Umwelt macht es einen da natürlich sehr schwer.
Es ist ein bisschen verlorengegangen, dass ein Mensch mehr ist als seine Arbeit.
Von: Sebastian am 2. März 2009
um 08:16
Tja, da könne wir dem Luther alle für dankbar sein – der hat “Ora et labora” wieder salonfähig gemacht. Nur dass man heute auf den Teil mit dem Beten eben verzichtet…
Von: MuGo am 3. März 2009
um 23:02
schön und gut – der mensch ist natürlich mehr wert als das was er von 08:00-16:00 leistet. aber schwer sich als arbeitsloser das einzureden. wobei alleine durch dieses wort, das eigentlich nur einen zustand beschreibt, gleichzeitig der asozialen abschaum zusammenfasst wird. “arbeitslos” wird nicht als “gegenteil eines workaholics – ein mensch, der seine zeit genießt” assoziiert, sondern meist als hartz4-empfänger der in talkshows sätze ala “nenn mich ned niveau altaaa” ablässt.
es ist schön zu sagen, dass man sich von den vorstellungen und ideen der umwelt lösen könnte – aber das ist ein gerede, dass an der realität vorbei geht. und dass dieser calvinistische gedanke man müsse etwas tun um etwas zu sein einzug gehalten hat, wird durch ein system gefördert, dass einige wenige an die spitze bringt und für die der rest der menschheit ihr leben opfert.
Von: Sanja am 5. März 2009
um 19:52
[...] their cold, dead hands Neulich erst empfahl ich den Besuch der Waffenbörse in Sindelfingen an diesem Wochenende (welches aber auch fast schon [...]
Von: From their cold, dead hands « social issues and stuff am 15. März 2009
um 15:29
Der Media Markt und seine Werbemethoden sind ja grundsätzlich auch so ein Kapitel für sich. Und dass dies dann auch noch in Zusammenhang mit so einem ernsten Thema wie der Wertigkeit des Menschen gebracht wird, macht die Sache auch nicht besser. Ich bin wirklich mal gespannt, auf was wir uns da in der Zukunft noch so einstellen müssen. Ich fürchte das wird noch viel skurrilere Ausmaße annehmen.
Von: Tamara am 17. März 2009
um 12:19
Stimmt, da gibt es ja so einiges, zum Beispiel das Zusammenspiel von Diensten wie Google Alerts, mit denen nach bestimmten Stichwörtern gesucht wird, zum Beispiel nach börsennotierten Firmen, und Kommentatoren im Dienste von Börsennachrichtentickern, die gleich einen Link auf eben diese setzen, sogar erweitert auf die Seite, auf der die Nachrichten zu oben genannter börsennotierter Firma vermeldet werden. Das ist in der Tat skurril und habe ich in der Form noch nicht gesehen, aber das gilt auch für meinen Bandwurmsatz da oben.
Von: Sebastian am 17. März 2009
um 13:52