Aussicht

Eigentlich wollte ich nur ein wenig an die Luft und lesen. Ich setzte mich auf eine Bank am Schlossplatz, aber die stand blöd in der Sonne, also saß ich dort nur ein paar Minuten, bevor die Hitze mich weitertrieb. Um einen ruhigen Platz zu finden, ging ich weiter bis zur Staatsgalerie. Dort in der Nähe sind die Springbrunnen, ich setzte mich an einen und las dort weiter. Dieser Platz lag wiederum sehr im Schatten und an einer windigen Stelle, so dass es mir hier zu kalt wurde. Also ging ich weiter. Irgendwann saß ich dann am Kiosk bei den Grillplätzen und aß eine Portion Pommes mit Mayo. Es war jedoch zu viel Betrieb, so dass man dort auch nicht sitzen und lesen konnte. Also ging ich weiter. Jetzt war ich schon im Rosensteinpark, welcher größer ist als man denkt, so dass ich mich ein wenig veirrte. Was komisch war, ich hatte ja immerhin kein Ziel. Ich ging einfach geradeaus und war irgendwann an dieser gewundenen, schönen Brücke, und da dachte ich, da kann man ja auch mal wieder rübergehen.

Also ging ich drüber und war dann schon im nächsten Park, der aber nicht einmal Bänke hat, ich wollte doch eigentlich nur lesen und war jetzt schon kilometerweit gegangen. Ich kam auf einen Hügel, von dem man eine tolle Aussicht hat. Auf dem Hügel stehen Bäume, die sind mir vorher nie aufgefallen. Jedenfalls, eine tolle Aussicht. Aber ich wusste, dass es nur eine Brücke weiter einen wirklich tollen Park gibt, mit vielen Wasserspielen und den bequemsten Bänken Stuttgarts, also ging ich dort hin und las mein Buch zu Ende, dann aber auch gleich 130 Seiten am Stück. Und jetzt fehlte mir ein wenig die Perspektive. Die Strecke zurückgehen wollte ich nicht, also ging ich den Weg weiter und kam an einer Parkbankgarnitur (nennt man die so?) vorbei, die böse, da gute, Erinnerungen hervorrief. Der Tisch wirkte ohne Knoppers-Verpackung und Erdbeermilch irgendwie leer, und von der Bank fangen wir erst gar nicht an. Ich ging einen Hügel hinauf, von dem ich damals sagte, dass man da überhaupt nicht rauf darf, weil der so privat aussieht, aber das wusste ich jetzt ja auch besser. Und von einer Sekunde auf die nächste wurde es surreal.

Der Höhenpark Killesberg ist der unwirklichste Ort der Welt. War man eben noch im schlichten Grünen, ist man im nächsten Augenblick umgeben von Kleinlokomotiven, einem Karussel aus der Jahrhunderwende, alten Zirkuswagen und Bronzeskulpturen von Pferden, sowie sehr, sehr bunt angelegten Blumenbeeten. Wäre ein Jongleur auf Stelzen an mir vorbeigezogen, oder ein Junge, der ein Rad mit einem Stock vor sich her schubst, es wäre nur konsequent. Völlig überfordert ging ich auf den 40 Meter hohen Killesbergturm, ein wackeliges Gerüst von ausgewiesener Reduktion in der Ästhetik, und genoss auch hier die Aussicht. Der bebaumte Hügel, der ja auch eine tolle Aussicht hat, war von hier zu sehen, aber nur sehr klein, der Turm hier bietet viel mehr.

Was ich also sagen will, ist folgendes: Man kann gar nicht anders, als weitergehen. Manchmal ist es zu warm, manchmal zu kalt, dann zu laut, manchmal geht man weiter, weil man nicht weiss, was man sonst tun soll, und dann wird es einem zu bunt und man geht in die Vertikale. Aber auch das ist ja weitergehen, irgendwie. Und dann steht man oben und erkennt, dass auch die Höhepunkte, die man früher hatte, vielleicht noch getoppt werden können. Das weiss man ja vorher nicht.

Als wir wiederum nicht wussten
was zu tun, wohin sich wenden
liefen wir stundenlang umher
auf den Alleen und am Ende
kamen wir zu einem Park
an dessen Tor zwei Sphinxen wachten
so verbrachten wir die Zeit
mit dem Gefühl von leichtem Schwindel
setzten uns auf eine Bank
deine Hand Schloss meine Augen
und der Tag verschwand im Dunkel

Womit man halt immer rechnen muss ist ein Sonnenbrand.

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3 Geschichten zum 11. September

Gestern twittere Regierungssprecher Steffen Seibert, dass Angela Merkel Obama zum Tenth Jahrestag von Nine Eleven ein Telegramm geschickt hat. Ich bin dem Link nicht gefolgt, das Telegramm ging wahrscheinlich Afghanistankrieg STOP Irakkrieg STOP Terrorgesetze STOP, denn so sehen Telegramme doch aus, oder nicht? Hauptsache schnell. Warum hat sie ihm nicht einen schönen Brief geschrieben, Zeit war ja. „Lieber Barack, wie geht es Dir? Mir geht es gut…“ Heute muss alles so schnell und lieblos sein.

Es zeichnet sich bereits ab, dass auch die mediale Aufbereitung des morgigen Tages irgendwie hektisch sein wird. Wir sehen tausend mal Bilder, die wie zuvor schon tausend mal gesehen haben. Immer diese Flugzeuge. Die Flugzeuge und die Gebäude, das ist doch alles so unwichtig. Es geht auch anders.

Die Mitarbeiter von StoryCorps, deren erklärtes Ziel es ist, zu jedem Menschen, der an diesem Tag starb, eine Geschichte zu finden, haben drei kurze und sehr persönliche Filme veröffenlicht, die mir näher gehen als alles, was ich in den letzten 10 Jahren zum Thema gesehen habe. Warum es dafür animierte Filme braucht, weiss ich auch nicht:

[via Videogum]

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Fünf lustige Anekdoten über Steve Jobs

Ich glaube, dass es keinem mehr bewusst ist, dass ich hier Autoren-Rechte besitze, aber wen stört’s? Maximal Sebastian und der kann mich jederzeit blocken – dann wäre er aber die längste Zeit mein Facebook-Freund gewesen (ist er derzeit zwar auch nicht, aber es geht ja auch ums Prinzip!).

Ich musste gestern ein Essay über die Führungseigenschaften von Steve Jobs abgeben. Bisher habe ich mich eigentlich nie mit diesem Mann beschäftigt und ich war deshalb doch erstaunt, was ich da so zu lesen bekam. Ich habe versucht, nur einigermaßen seriöse Quellen zu nutzen und nach Möglichkeit darauf zu achten, dass die Geschichten einigermaßen verifiziert sind, aber hier sind meine fünf Lieblingsgeschichten über Steve Jobs:

  1. Steve, der liebende Vater
    Als seine damalige Freundin schwanger war, fand Steve das nicht so prickelnd. Da sie nicht abtreiben wollte, trennte er sich von ihr und ließ sie das Kind alleine großziehen. Allerdings fand er es danach nicht unbedingt angebracht, Unterhalt zu bezahlen und weigerte sich, die Vaterschaft anzuerkennen. Er behauptete sogar, unfruchtbar und damit gar nicht in der Lage gewesen zu sein, das Kind zu zeugen. Dummerweise stellte sich das aber als Lüge heraus und Jobs wurde zu Unterhaltszahlungen verdonnert. Jobs, schon Millionär, ließ seine Tochter dabei die ganze Zeit von Wohlfahrt leben. (Quelle)
  2. Steve, der Best Friend Forever
    Steve Jobs ließ sich von Steven Wozniak (aka Woz), seinem besten Freund, dabei „helfen“, Breakout für Atari zu entwickeln. Mit anderen Worten, Woz machte die Arbeit und Jobs gab das fertige Produkt ab. Den Lohn, 700 USD, teilte man brüderlich. Als Woz Jahre später mitbekam, dass Jobs aber ursprünglich 5000 USD bekommen hatte, kamen dem so seine Zweifel an der Brüderlichkeit auf – angeblich soll er in Tränen ausgebrochen sein. Zur Rede gestellt meinte Jobs nur, er könne sich nicht daran erinnern. (Quelle)
  3. Steve, der Gestapo-Chef
    Bei Apple unterliegt alles strengster Geheimhaltung. Nur Steve Jobs hat zu allen Gebäuden Zugang, alle anderen dürfen sich nur in ihrem eigenen frei bewegen. Daneben hat Apple auch einen eigenen Sicherheitsdienst, der intern liebevoll „Apple-Gestapo“ genannt wird. Gibt es den Verdacht, dass ein Mitarbeiter Entwicklungsgeheimnisse rausgeschmuggelt hat (also wenn Produktinformationen bekannt gegeben werden, bevor Jobs das tun kann), rückt dieser aus und beschlagnahmt alle iPhones der verdächtigten Abteilung. Diese werden dann nach verdächtigen Mails oder Fotos durchsucht. natürlich nur bei schriftlicher Einverständniserklärung der Mitarbeiter. Wer nicht unterschriebt – wird entlassen. (Quelle)
  4. Steve, der Frutarier
    Vor seinem Erfolg mit Apple war Jobs durchaus experimentierfreudig. So ernährte er sich eine Weile lang nur von Äpfeln (es ist nicht klar, ob der Firmenname eine Reminiszenz an diese Zeiten ist). Allerdings steckte dahinter Kalkül: Jobs war überzeugt, dass sein Körper so aufhören würde Schleim zu produzieren und er nicht mehr duschen müsse. Das ganze war nicht ohne Nebenwirkungen – sein übler Körpergeruch war einer der Gründe, warum man ihn bei Atari in die Nachtschicht steckte. (Quelle)
  5. Steve, der Philanthrop
    Nach der Rückkehr zu Apple stellte Jobs als eine der ersten Maßnahmen sämtliche Wohltätigkeitsprogramme ein. Begründung: Apple selbst gibt der Welt schon genug mit seinen Produkten. (Quelle) Eine Blitzumfrage unter afrikanischen Kindern ergab ebenfalls, dass 98% der Befragten ihre lahme Malaria-Prophylaxe, die sie von Bill Gates bekommen haben, sofort gegen ein iPad tauschen würden. Die solarbetriebene Akkustation hätten sie schon gekauft.

Zusammengefasst: Ich möchte nicht für diesen Mann arbeiten wollen, aber man kann sagen was man möchte – er hat Erfolg mit seiner Art!

Und bevor die Fragen aufkommen: Ich nutze Windows 7 auf einem Acer Aspire One und das schlimmste, was mir Microsoft mit jeder neuen Version seines Betriebssystems antut, ist die Tatsache, dass sie schon wieder irgendwelchen Kinderkram von Apple geklaut haben, statt darauf zu vertrauen, dass ein Betriebssystem MIR gefallen muss und nicht Steve Jobs!

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Breaking Bread

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Was Samuel Beckett und mich verbindet

Am letzten Tag, dem Tag der Wohnungsübergabe, besuchten wir noch einmal unsere Nachbarin. Sie lud uns an ihren Küchentisch, und erzählte ein wenig, unter anderem, dass sie auch einige Jahre in unserer Wohnung gelebt hat, vor etlichen Jahrzehnten. Amüsant war die Randbemerkung, und das war für uns ja unvorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der das ja auch aus diesem Blog sattsam bekannte SWR-Gebäude einmal überhaupt nicht existiert hat. Stattdessen, so erzählte unsere Ex-Nachbarin, war dort ein Catcherzelt aufgebaut, das wohl irgendwie noch zu den Cannstatter Wasen gehörte (welches ja eigentlich ein paar Hundert Meter weiter stattfindet, aber wer weiss, wie das damals alles aufgebaut war). Von unserem, also ihrem, Wohnzimmer hatte man wohl eine schöne Aussicht auf diese halbnackten, verschwitzten Männer, und es war wohl eine Schau, wie man so sagt.

Daran musste ich heute abend denken, als ich diesen Artikel über Kirmesboxer las, und wollte der Sache auf den Grund gehen. Leider kam ich nicht sehr weit, da ist wohl ein Stück Lokalgeschichte verloren gegangen. Überliefert ist lediglich eine kurze Anekdote des schwäbischen Schreibers Joe Bauer, den es nach einem miserablen Tatort vor einigen Monaten (auf den Tag genau am ausgerechnet) in die Neckarstraße verschlug:

In den siebziger Jahren saß ich in der Neckarstraße hie und da beim „Roten Dieter“ im Hotel Köhler. Der Mann aus dem Milieu erzählte mir von den Catchern, die während ihrer Shows auf dem Wasen bei ihm logierten, und ich hatte den Eindruck, in der Neckarstraße war was los.

Da endet meine Spurensuche bislang, dabei fand sich jedoch etwas ganz anderes Bemerkenswertes in dem Text:

Von dem irischen Dichter und Nobelpreisträger Samuel Beckett – er hat in den Achtzigern für den SDR gearbeitet – stammt der Vers: „Vergesst nicht beim Stuttgart-Besehen / die Neckarstraße zu gehen. / Vom Nichts ist an diesem Ort / der alte Glanz lange fort. / Und der Verdacht ist groß / hier war schon früher nichts los.“

Das hielt ich zunächst natürlich für komplett ausgedacht, dass sich Samuel Beckett nun genau zu dieser Straße derart geäußert haben soll, denn das ist genau eben jene Straße, über die auch ich immer mal wieder gleiches zu berichten wusste, nämlich zum Beispiel hier und viel besser noch hier. Es stimmt aber: Sowohl Samuel Beckett als auch ich kamen unabhängig voneinander zu der Erkenntnis, dass die Neckarstraße derart zu meiden sei, dass man das schriftlich festhalten müsse.

(Ein paar alternative Übersetzungen des Beckett’schen Neckarverses finden sich hier. Die dritte finde ich stark.)

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Kafka am Strand

„Einmal schriebst Du, Du wolltest bei mir sitzen, während ich schreibe; denke nur, da könnte ich nicht schreiben … Schreiben heißt ja, sich zu öffnen bis zum Übermaß; die äußerste Offenherzigkeit und Hingabe, in der sich ein Mensch im menschlichen Verkehr schon zu verlieren glaubt und vor der er also, solange er bei Sinnen ist, immer zurückscheuen wird …Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt, deshalb kann es nicht genug still um einen sein, wenn man schreibt, die Nacht ist noch zu wenig Nacht.“

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Neue Idee

Das neue Lied von Peter Licht wurmt meine Ohren jetzt schon ein paar Wochen, jedoch war meine mir hier zur Verfügung stehende Hardware dergestalt, dass es mir unmöglich war, das Lied zu teilen (uff). Dank familiärer Bande ( <3 ) nun jedoch mit neuer Powerhardware ausgestattet, kann ich das endlich mal loswerden.

Peter Licht – Neue Idee:

„Schaffen wir uns ab“, mit einer einzigen Zeile sämtliches krudes Gedankengut auf einmal zerlegt, das kann nur er. Peter Lichts neues Album „Das Ende der Beschwerde“ erscheint diesen Herbst und ich freue mich wahnsinnig.

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The Tree of Life

In großen Abständen steigt Terrence Malick zu uns herab, um einen bildgewaltigen, überwältigend guten und in der Regel völlig unansehbaren Film zu drehen. Den Kriegsfilm „Der schmale Grat“ habe ich aufgrund seiner zähen Erzählweise, die Clint Eastwood wie einen Guy Richie auf Speed erscheinen lässt, in vier Teilen gesehen und halte ihn trotzdem für einen der besten Beiträge zu diesem Genre. Bezeichnenderweise behandelt er ebenso wie Eastwoods Doppelpack Flags of our Fathers/Letters from Iwo Jima den Pazifikkrieg zwischen Japan und den USA. Offenbar eignet sich dieses Thema für durchdachte, ruhige Ansätze zwischen den meist krawalligen Beiträgen zum Irak- oder Vietnamkrieg.

Auch das Entführungsdrama Badlands, eine Bonnie- und Clyde-Geschichte, muss eher ertragen als angesehen werden, und überzeugt dennoch durch diese unglaublich schönen Bilder. Aus praktisch jeder Szene eines Malick-Filmes kann man ein Panoramaposter basteln, das sich vorzüglich in einer Kunststudenten-WG machen würde.

Und nun hat sich Terrence Malick keiner geringeren Aufgabe verschrieben, als in einem Film die Entstehung und den Sinn des Lebens zu erklären. Kann keiner sagen, ich wusste nicht, worauf ich mich da einlasse.

Es ist ein grandioser Kniff, der in The Tree of Life gleich zu Beginn eingesetzt wird: Am Anfang war das Chaos. Einer kurzen Momentaufnahme eines Bildes, welches wohl das Universum (oder auch den Menschen?) vor seiner Geburt abbilden soll, folgt eine sehr wirre, chronologisch völlig verworrene Szenenabfolge, die den Protagonisten Jack O’Brien an verschiedenen Stationen seines Lebens zeigt: Als erwachsenen Architekten, der sich mit seinem Vater aussöhnt, als Kind, der mit seinem Bruder spielt, als Teil einer Familie, die eines ihrer Kinder verliert.

Diese ersten 100.000.000 Millionen Jahre des Filmes sind nicht zuletzt dank ihrer kryptischen Monologstücke weitgehend unverständlich, sind aber wohl erforderlich, um den Zuschauer die Idee hinter dem ganzen zu erläutern. Nach einer weiteren, äußerst beeindruckenden Sequenz, die die Entstehung des Universums und unserer Erde zeigt (und dem Vernehmen nach ohne CGI erstellt wurde), einer kuriosen Dinosaurier-Szene und einem Kometeneinschlag kommt Struktur in den Film und erzählt wird die Geschichte einer normal-spießigigen Familie in den USA der 50er Jahre.

Obwohl man dem Verlauf des Lebens dank der chronologisch richtig erzählten Ereignisse (Geburt, Kleinkindheit, „Last Summer“, beginnende Adoleszenz und Rebellion) nun folgen kann, lassen sich die Figuren als Symbole nicht 1:1 übertragen. Man kann nicht sagen, dass der Junge Jack für den Menschen steht, oder für die Existenz als solches (wir sind hier ja nicht bei Lost). Als zu Beginn der Bruder stirbt, schreit es natürlich in einem „Brudermord! Kain! Abel!“, aber der Film gibt das im weiteren Verlauf einfach nicht her. Und man mag auch versucht sein, den Vater als strenge Gottfigur zu sehen, oder die Mutter als Maria voller Gnade (immerhin wird gleich zu Beginn der Kampf Gnade gegen Natur thematisiert). Aber möchte man das durchziehen, verheddert man sich irgendwann.

Ich habe daher versucht, die Figuren in jedem Kapitel abhängig von ihrem Kontext neu zu interpretieren, und weiche wahrscheinlich weit von gängigeren Interpretationen des Films ab. Kommen wir doch einmal zurück zu den Eltern.

Wie erwähnt, werden sie im Film als die Gegensätze Natur und Gnade positioniert, vielleicht funktionieren sie aber zumindest im Mittelteil auch als die zwei Seiten der Grenze, an der sich der vor der Pubertät stehende Jack befindet:

Brad Pitt spielt den Vater, welcher im Verlauf immer verbitterter wird und als strenge Vaterfigur fungiert, die sich immer weiter von den Kindern entfernt und sogar verhasst wird. Seinen Traum, Musiker zu werden, hat er längst aufgegeben, nicht jedoch seinen Traum, als Erfinder groß rauszukommen. Er reicht zahlreiche verspielte Patente ein, ohne jedoch Erfolg zu haben. Er repräsentiert die erwachsen gewordene Seite von Jack, die immer ernster werden muss, aber den alten Träumen nachhängt, wissend, dass diese nie in Erfüllung gehen werden. Er ist gerade raus aus der Kindheit und sehr wütend darüber.

Die Mutter ist die nach wie vor Kind gebliebene Seite von Jack. Sie ist unbekümmert, befreit von allen Pflichten und spielt lieber den ganzen Tag. Den Ernst schiebt sie so lange vor sich hier, bis es wirklich gar nicht mehr anders geht (und erinnert damit nicht nur optisch an Kate Winslet im tollen Film Children). Sie sieht das Erwachsenwerden vor sich dräuen und stemmt sich mit aller Gewalt dagegen.

Diese Interpretation bricht den Film aber eben doch wieder runter auf den einzelnen Menschen, was ja explizit nicht der Fall sein soll – der Film soll doch das große Ganze symbolisieren.

Wenn man Jack nun also doch auf die Menschheit als solches hochrechnen muss, stellt sich eben die Frage, wo diese denn nun steht. Der nachvollziehbare Teil des Filmes endet damit, dass die Familie aufgrund eines neuen Jobs des Vaters umziehen muss. Der nachvollziehbare Teil. Hinten dran hängt noch eine Bildfolge, die viele Menschen am Strand zeigt, und in der sich alle wiederfinden, der tote Bruder als Kind, Jack als Erwachsener, Jack als Kind, der Vater als lieber Kerl… der Himmel eben.

Die meisten Kritiker störten sich vor allem am Ende, welches doch recht eindeutig eine religiöse Komponente in den Film bringt. Ich finde das nur konsequent. The Tree of Life möchte nicht den Sinn des Lebens erklären, sondern die Entwicklung bis heute dokumentieren. Am 5. milliardensten Tag erschuf der Mensch Gott, das lässt sich nun einmal nicht wegleugnen, und da wir darüber immer noch nicht hinweggekommen sind, endet der Film eben auch dort und nicht zwei Schritte weiter bei der Erkenntnis und der Aufklärung. Die Religion als vorläufiges Ende der Geschichte, das ist der Punkt, an dem Menschheit gerade steht.

Meine Güte, ist das alles wirr und konfus. Beim zweiten Lesen verstehe ich nicht einmal mehr die Hälfte. Dieser Text sollte nicht als ernsthafter Versuch einer Interpretation gewertet werden, sondern als brainstormartige Reflexion eines Kinofilms, der mich ein wenig überfordert hat. Löschen wollte ich das jetzt allerdings auch nicht.

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Bibliotheken und Architektur

Von der neuen Stuttgarter Bibliothek 21, welche in wenigen Monaten eröffnet wird und deren Bau trotz des Namens in den Stuttgart 21-Wirren komplett untergeht, hört man nicht viel Gutes. Kritisiert wird vor allem die sehr schlichte Ästhetik, das Gebäude ist immerhin von aussen nicht mehr als ein Quader mit Schießscharten. Die „Straßenmeinung“ ist eindeutig: Das Gebäude ist hässlich und erinnert eher an Gefängnis, während das alte Gebäude am Wilhemspalais ein wahrer Prachtbau und eben „typisch Bibliothek“ ist.

Die Bibliothekare selbst sind begeistert vom Raum, der den Büchern gegeben wird, 500.000 Medien finden dort offiziell Platz, und ähnlich wie Gefängnisse sind auch Bibliotheken in der Lage, mindestens das doppelte des ausgezeichneten Raumes zu nutzen. Auch auf technischer Seite gibt es ein paar tolle Ideen. So werden zum Beispiel alle noch so obskuren Beiträge, die jährlich auf dem Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart laufen, dort an Abspielstationen zu sehen sein – zusätzlich zu den Kino-Trickproduktionen, die auch ganz regulär auf Datenträgern ausgeliehen werden können.

Das Konzept des Innenraumes habe ich mir x-mal angesehen und verstehe es immer noch nicht. Im Prinzip ist die Bibliothek hohl, oben gibt es einen Trichter und unten noch eine Empfangshalle, und zwischen drin einen Lesesaal oderirgendwieso, ich hab’s halt nicht verstanden. Die Bücher scheinen mir jedoch sehr an den Rand gequetscht und ein störendes Element zu sein – in einer Bibliothek, wohlgemerkt.

Ich versteige mich jedenfalls zu der Behauptung, dass der Bau am Normalnutzer vorbei geht und in erster Linie ein Spielplatz für den Architekten ist (der auch sehr exklusive Wünsche hat, was zum Beispiel die Bestuhlung angeht). Sind Architekten denn in erster Linie Künstler? Oder gibt es im Studium Wahlmodule, in denen Rechtfertigungen für hässliche Gebäude gelehrt werden, die man dann im Nachhinein anwenden kann?

Ich habe Felix Schwenzel,der irgendwann mal Architektur studiert hat, gefragt, ob man das Schönreden von hässlichen Gebäuden im Studium gezielt beigebracht bekommt. Schließlich wird bei jeder Einweihung einer Mehrzweckhalle deren „Transparenz“ hervorgehoben, weil sie halt eine Glasfront hat. Auf der langsam wieder in Mode kommenden Frageplattform Formspring hat er eine tolle Antwort gegeben, die ich teilen möchte:

im architekturstudium lernt man — wie vermutlich in jedem anderen studium — zu differenzieren und genau hinzusehen. oder anders gesagt, egal was man studiert, man schult seinen blick für details. der literaturwissenschaftler liest dann in einem buch ganz andere dinge heraus, als ein laie. der begriff der schönheit, wird um technische und konzeptionelle aspekte ergänzt, bzw. man erkennt die handwerklichen tricks und lösungen, die der autor, der architekt, der schreiner benutzte und lernt sie, im besten falle, zu schätzen.

die schwalbenschwanz-eckverbindung bei schubladen ist so ein beispiel für die verschiebung von wahrnehmungsmustern. schön fanden schreiner schwalbenschwanz-eckverbindungen früher nicht, da die verbindung aber zweckmässig und irre stabil ist — und vor allem die einzig vernünftige art massivholz-bretter über eck dauerhaft zu verbinden — wurde sie sehr gerne benutzt, aber eben auch fast immer mit sichtblenden versehen. sichtblenden deshalb, weil sich laien nicht für die verbindungstechnik begeistern können, bzw. konnten und lieber schöne, ornamentierte fronten sehen wollten. das hat sich in zeiten von ikea und spanplattenschubladen geändert: schwalbenschwanz-verbindungen gelten jetzt als ein zeichen für qualität, für sauberes handwerk. da hat sich quasi ein expertenkriterium in ein massenkriterium verwandelt und damit gleichzeitig auch die wahrnehmung. plötzlich werden die schwalbenschwanzverbindungen stolz vorgezeigt, statt verblendet.

bestes zeichen für diese wahrnehmungsverschiebung: ikea verkauft massivholzmöbel, die schwalbenschwanzverbindungen nachahmen. ikea sägt tatsächlich stückchen aus der frontblende aus, setzt kleine holzblöcke darein, so dass es nach handwerk aussieht.

was ich eigentlich sagen will: die wahrnehmung von schönheit ändert sich ständig, vor allem aber unterscheidet sie sich oft massiv bei experten und laien, weil beide (oft, nicht immer) auf verschiedene dinge achten.

ich kann mir zum beispiel vorstellen, dass ich die neue bibliothek in stuttgart total super finde. die visualisierungen sehen sie erstmal sehr minimalistisch und wohlproportierniert (quadrate!) aus. ich mag dinge, deren komplexität man nicht auf den ersten blick erkennt, oder allgemeiner, dinge die einfache benutzeroberflächen anbieten. wenn die konstruktion dann auch noch handwerklich einwandfrei, zweckmässig oder konzeptionell grossartig ist, kann ich oft auch zweckmässigkeit zu schönheit umdefinieren. und meine these wäre, das eben diese fähigkeit zweckmässigkeit in schönheit umzudeuten, das (oder zumindest ein) ergebniss eines studiums ist.

Das ist eine sehr schöne Antwort, zumal ich seit jeher ein großer Freund der Schwalbenschwanz-Eckverbindung bin, ohne das Wort je gehört zu haben. Der zentrale Punkt seiner Antwort ist aber wohl, dass man im Studium ein Auge für Details bekommt, die Nicht-Architekten gar nicht auffallen, und dass sicher auch in diesem Quader unzählige Details stecken, die den Fachmann staunen lassen. Das ist schön für Architekten.

Nun studiere ich ja auch, und als angehender Bibliothekar würde ich dereinst gerne ein ähnlich gutes Auge für die Details einer funktionierenden Bibliothek bekommen. Für die Dinge, die ein normaler Architekt gar nicht so mitbekommt, aber das Herz eines jeden Bibliothekars höher schlagen lässt.

Dieser Blick kommt vielleicht mit Erfahrung. So haben zum Beispiel viele Bibliotheken schlechte Erfahrungen mit Lichthöfen gemacht, da sie eben auch Schallhöfe sind. Die Bibliothek 21 hat einen sehr großen Raum in der Mitte, der auch noch wie eine Flüstertüte aussieht. Werden die Gespräche auf der Treppe verstärkt? Hat das mal einer getestet?

Wie hat man sich das mit der Umgebung gedacht? Das direkte Umfeld steht noch leer, es sollen Bürogebäude hin, die LBBW, irgendwelche Eigentumswohnungen… eher eine schicke Gegend, vermutlich mit viel Glas (Transparenz!). Wie fügt sich das Gebäude in dieses neue Bild? Das Licht soll von innen das Gebäude nach außen hell wirken lassen. Sind Bibliotheken inzwischen so vermögend, dass die die ganze Nacht Flutlichter nach außen strahlen lassen können?

Es soll ausgerechnet die Bibliothek sein, die die Menschen in das neu entstehende Viertel lockt. Dabei ist die Situation derzeit eher die, dass die Bibliothek selbst ein attraktives Umfeld benötigt, um überhaupt wahrgenommen zu werden. In England nennt man die Libraries einfach Idea Stores und setzt sie in die Nähe von Malls, wo man mit dem Leseausweis auch gleich vergünstigt einkaufen kann.

In Deutschland hat die Bibliothek den Ruf einer Behörde, die in grauen Blocks sitzt, und ich füchte, dieser Ruf wurde in Stuttgart zementiert, im wahrsten Sinne eben.

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